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„Ich trage den Namen meines ermordeten Onkels“

Das Schicksal seiner Familie führte den Israeli Reuven Barak Ende Dezember zum Internationalen Suchdienst (ITS) nach Bad Arolsen. Er wollte wissen, ob es Dokumente über die Verfolgung seiner Familienangehörigen beim ITS gibt und sich ein Bild von den Beständen des Archivs machen. „Meine Eltern konnten noch rechtzeitig fliehen. Doch meine Großeltern, Onkel, Tanten und Cousinen – sie sind alle umgekommen“, sagt Barak.

Baraks Vater gelang die Flucht 1939 auf der Donau in Richtung rumänische Schwarzmeerküste. „Hier bestieg er mit etwa 1000 Flüchtlingen ein umgebautes Frachtschiff nach Palästina“, schildert der Israeli. Die Briten sperrten ihn zunächst in ein Internierungslager, bevor er 1940 dann frei kam und in einen Kibbuz gehen konnte. „Leider hat mein Vater nie von der Vergangenheit erzählt. Ich musste seine Geschichte allein erforschen.“

Auch Baraks Mutter entkam 1939 noch den Nationalsozialisten. Sie schaffte die legale Ausreise nach Palästina an Bord der „Galiläa“ über Triest. Ihren Mann lernte sie im Kibbuz kennen. Reuven wurde 1947 geboren. Das Schicksal der zurückgebliebenen Angehörigen bewegte die Mutter, die selbst nachforschte und sich mit Reuven austauschte. „Mein Großvater hatte einen drei Jahre alten Sohn, den die Nazis ermordeten. Ich erhielt seinen Namen.“

Großvater Markus (Max) Freilich lebte mit seiner Familie vor dem „Anschluss Österreichs“ in Wien. Er floh zunächst in die Slowakei nach Kezmarok. Doch nach der Besetzung des Landes durch die Deutschen wurden er, seine Frau Sofie und weitere Familienangehörige deportiert und in Auschwitz ermordet. Den Anblick der Sterbeurkunde im Archiv des ITS kann Barak nur schwer ertragen, auch wenn er sich jetzt schon viele Jahre mit der Geschichte seiner Familie und dem Thema Holocaust befasst hat. „Es ist das einzige Dokument aus Auschwitz, das wir haben“, so Barak. Laut der Sterbeurkunde war Max’ Todestag der 12. Oktober 1942.

Auf seine Art trägt Barak heute viel zur Verständigung von Deutschen und Israelis bei. Als Israel-Beauftragter für die SOS Kinderdörfer ist er häufiger in Deutschland. Zudem hält der 64-Jährige zahlreiche Vorträge über Israel und organisiert Rundreisen. Dabei spielt für ihn das Gedenken an die nationalsozialistische Vergangenheit eine wichtige Rolle. „Wir haben alle Erinnerungsstücke, die wir noch haben; Briefe, Fotos und Gegenstände an Yad Vashem gegeben“, berichtet Barak. „Hier sind sie am besten aufgehoben.“