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„Ich wollte die Liste anfassen“

Er verdankt Schindlers Liste sein Leben. „Dieses Wissen hat mich immer begleitet“, sagt Ronny Bronner. Der Israeli kam gestern gemeinsam mit seiner Frau Gila zum Internationalen Suchdienst (ITS) nach Bad Arolsen, um Dokumente über seine Familien einzusehen. Seine Eltern, Jetti und Leopold Bronner, gehören zu den 1200 Juden, die der deutsche Industrielle Oskar Schindler vor dem sicheren Tod im nationalsozialistischen Vernichtungslager rettete.

„Ich wollte die Liste sehen, sie mit den eigenen Händen fassen“, so der 61-Jährige. Berühmt geworden ist die Geschichte durch die Hollywood-Verfilmung „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg. Ronny Bronner, der nach dem Krieg in Israel geboren wurde, ist dem Retter seiner Eltern einmal in Tel Aviv begegnet. „Er strich uns über den Kopf und sagte, ihr seid alle meine Kinder. Ich fand das merkwürdig. Erst später habe ich verstanden“, erinnert sich Bronner.

Seine Eltern stammten aus Oberschlesien. Nach der Besetzung Polens durch die Deutschen wurden sie mit ihrem Sohn Walter ins Ghetto von Krakow gesperrt. Als dieses im März 1943 geräumt wurde, standen sie das erste Mal an der Schwelle zwischen Leben und Tod. Der zehnjährige Walter wurde ermordet. Seine Mutter rettete sich und ihren Mann, indem sie die Arbeitspapiere von Schindlers Fabrik hochhielt und so die Selektion durch die SS überstand. „Nur wer handwerklich arbeiten konnte, hatte eine Chance“, berichtet Bronner. „Mein Vater hat seine Hände extra in Schwefelsäure gehalten und geschwärzt, damit er wie ein Arbeiter wirkte. Er gab sich als Schuhmacher aus.“

Die Ehepartner arbeiteten anschließend als Zwangsarbeiter für Schindler im Konzentrationslager Plaszow, bis im September 1944 der Befehl zur Auflösung kam. In diesem Moment entstand die lebensrettende Liste. Schindler eröffnete ein Werk für Granaten im 350 Kilometer weiter westlich gelegenen Brünnlitz (heute Brněnec, Tschechische Republik). Für die „siegentscheidende Produktion“ forderte er einen Teil seiner Arbeitskräfte aus Plaszow an. „Meine Mutter steht auf Platz 15 der Liste. Sie war wichtig für Schindler, da sie in seinem Büro arbeitete und deutsch sprach. Mein Vater arbeitete im Werk“, erzählt Bronner. „Bis nicht der letzte SS-Mann das Gelände verließ, lebten sie in ständiger Unsicherheit und Angst vor dem Tod.“ Im Mai 1945 wurden Bronners Eltern schließlich von der Roten Armee befreit.

Am stärksten hat Bronner als Kind das Foto seines älteren Bruders beeindruckt, den er nie kennenlernte. „Ich wollte nicht glauben, dass es passiert ist, bis es mir mein Opa bestätigte. Meine Mutter hat sein Foto durch die gesamte Zeit gerettet: das Ghetto, das KZ, die Nachkriegszeit bis zur Ausreise nach Israel.“ Die Traurigkeit über den Verlust des Kindes hätten seine Eltern nie ganz verloren. „Erst auf meiner Hochzeit 1971 haben sie das erste Mal wieder getanzt“, schildert Bronner. „Es ist ein Wunder, dass meine Eltern die seelische Kraft hatten, uns trotz des erlittenen Horrors ein normales Leben zu schenken. Für mich sind die Überlebenden wahre Helden.“

Bis heute hat das Foto des verlorenen Bruders einen Platz im Hause der Bronners. „Wir vergessen nicht, aber wir stehen glücklich im Leben“, so der Israeli und Vater von zwei Kindern. Seine ganz persönliche Begegnung mit der Vergangenheit habe er in Nürnberg gehabt. „Hier stand ich auf dem Reichsparteitagsgelände der Nationalsozialisten und sagte: Ich habe gesiegt. Ich stehe hier und lebe.“ Dass die Deutschen den Völkermord planmäßig wie eine Produktion organisiert hätten, lasse das Geschehen so grausam erscheinen.

Dennoch trage er keinen Groll in sich. Seit 30 Jahren sind die Bronners regelmäßig in Deutschland. Gila lernte eigens für ihren Mann die Sprache. „Meine Mutter hat es geschafft, die Kultur von den Verbrechen der Nazis zu trennen“, sagt Bronner. Und die Deutschen heute gingen gut mit der Vergangenheit um. „Ich empfinde große Anerkennung für die Arbeit des ITS. Dieser Ort ist wichtig für Millionen Menschen“, meint Bronner. „Die Dokumente beweisen, dass die Geschichte nicht nur eine Legende oder ein Film sind, sondern die Wahrheit.“