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In der Heimat als Verräter beschimpft

Das Material zu russischen Häftlingen aus dem Konzentrationslager Mauthausen hat der Moskauer Forscher Alexej Konopatchenkov vier Tage im Archiv des Internationalen Suchdienstes gesichtet. „Ich habe mir einen Überblick darüber verschafft, welcher Art und welchen Umfangs die Dokumente zu Mauthausen sind“, sagte der Historiker. Noch gebe es in Russland nur ein begrenztes Interesse an dem Thema, aber wir „müssen unsere Geschichte verstehen“.

Der Historiker ist Präsident des Vereins der ehemaligen russischen Häftlinge von Mauthausen und Doktorand an der Moskauer Universität. Seinen Recherchen zufolge setzten sich die insgesamt rund 30.000 russischen Häftlinge des KZ Mauthausen etwa zur Hälfte aus Zwangsarbeitern und zu einem Viertel aus Hilfstruppen der Deutschen zusammen, die sich Befehlen der Nationalsozialisten widersetzt hatten. Ein weiteres Viertel der russischen Häftlinge waren Kriegsgefangene der Roten Armee. Sie hatten nur geringe Überlebenschancen, da die Nationalsozialisten sie als „rassisch minderwertig“ betrachteten und den härtesten Arbeitskommandos zuteilten.

Überlebten die russischen KZ-Häftlinge den deutschen Terror, sahen sie sich anschließend dem stalinistischen ausgesetzt. „In ihrer Heimat wurden sie nach dem Ende des Krieges als Verräter angesehen. Wer älter war als 18 Jahre, ging für fünf bis zehn Jahre direkt nach Sibirien in den Gulag“, weiß Konopatchenkov. Bis zur Perestroika war das Thema KZ-Häftlinge tabu. Gefeiert wurden allein die Helden der Roten Armee, die gefallen oder als Sieger zurückgekehrt waren. Und das ändert sich auch bis heute nur allmählich. „Es wird wohl eine Generationsfrage sein“, vermutet Konopatchenkov. „Der Große Vaterländische Krieg war eine große Tragödie in der russischen Geschichte und diesen Geist spüren wir noch heute.“

Der Verein der Überlebenden versuche mit Schülern zu arbeiten, durch Kultur- und Bildungsprojekte die Aufmerksamkeit auf das Schicksal der KZ-Häftlinge zu lenken. Zurzeit zählt der Verein etwa 200 Mitglieder, darunter rund 50 Überlebende. Er arbeitet ausschließlich auf der Grundlage von Spenden und ehrenamtlichen Engagement. Eine staatliche Unterstützung gibt es nicht. „Es sind nur noch wenige ehemalige KZ-Häftlinge am Leben, und sie haben keine Stimme in der Öffentlichkeit.“ Zudem seien viele Überlebende nach dem Krieg in die USA ausgewandert, berichtet Konopatchenkov. „Sie haben sich in der Regel losgelöst von ihrer Vergangenheit. Dabei könnten wir den Kontakt zu ihnen jetzt gut gebrauchen.“

Im kommenden Jahr will der Historiker für eine längere Zeit in Bad Arolsen forschen. „Dann werde ich mich mit den Listen der Häftlinge befassen. Dafür musste ich zunächst den Aufwand abschätzen“, so Konopatchenkov. „Es ist wichtig und interessant, in diesem großartigen Archiv zu arbeiten.“ Die Dokumente werden die Kenntnisse des Historikers aus den Recherchen in der Gedenkstätte Mauthausen und in zahlreichen russischen Archiven ergänzen. Am Abschluss der Forschungsarbeit soll eine Publikation stehen.