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Interesse am „Escapee Program“

Die Dokumente zum „Escapee Program“ hat der US-Amerikaner Christopher Uebelhor im Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) vier Tage lang untersucht. „Ich beschäftige mich mit der Geschichte des Kalten Krieges. Deshalb ist das Programm für mich von Interesse“, sagte Uebelhor, der derzeit an der Universität Leuven in Belgien studiert. „Beim ITS möchte ich Hinweise darauf finden, wie viele Menschen in dem Programm aufgenommen wurden, wer sie waren und woher sie kamen.“

Die US-Regierung hatte das „Escapee Program“ 1952 gestartet worden. Es ging um die Aufnahme, Unterbringung, medizinische Versorgung und Hilfe bei der Auswanderung für Flüchtlinge aus den sowjetisch besetzten Gebieten Osteuropas. Neben neuen Flüchtlingen, denen es gelang, den ‚Eisernen Vorhang’ zu überwinden, fanden sich in dem Programm aber ebenso Menschen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch immer als Heimatlose in Lagern für Displaced Persons (DPs) festsaßen. „Einige waren offensichtlich schon seit Jahren in DP Camps“, berichtet Uebelhor. „Im Grunde setzt das ‚Escapee Program’ die bisherigen Maßnahmen für Auswanderungswillige fort. Es erhielt nur einen neuen, klangvolleren Namen.“

Im Tonfall des Kalten Krieges beschrieben die US-Amerikaner das Programm als „humanitäre Aufgabe“. Sie arbeiteten zusammen mit sozialen und kirchlichen Organisationen sowie dem „Intergovernmental Committee for European Migration“. Sitz der Koordinierungsstelle in der Bundesrepublik war Frankfurt/Main. Von hier aus sendeten die Amerikaner Tausende Anfragen an den Suchdienst. Ziel war es, den Hintergrund der Flüchtlinge zu durchleuchten. „Der ITS war eine Quelle zur Überprüfung der Menschen. Eine gewaltige Masse an Papierarbeit“, so Uebelhor. „Es scheinen Menschen von ganz unterschiedlicher Herkunft gewesen zu sein, was ihre Familien, ihr Alter oder ihre Jobs anbetrifft. In den Befragungen gaben die meisten politische Gründe für ihre Flucht an.“

Die Gesamtzahl der Anfragen lässt sich im Archiv des ITS kaum noch nachvollziehen. Bereits im ersten Jahr des Programms waren es aber über 7400. Zu vielen Flüchtlinge gab es keine Informationen, da der ITS nur über Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus und der unmittelbaren Nachkriegszeit verfügt. Zahlreiche zunächst angelegte Akten wurden daher wieder aufgelöst.

Das „Escapee Program“ führte zu Spekulationen, ob es auch zur Anwerbung von Spionen diente und zur antikommunistischen Propaganda missbraucht wurde. „Dazu finde ich beim ITS natürlich keine Unterlagen. Da muss ich in den USA nachforschen“, kündigt Uebelhor an. „Dort werde ich versuchen, weitere Hintergründe zu dem Programm, zu seinem Umfang und zu den Kriterien zu klären, nach denen Flüchtlinge anerkannt wurden und Unterstützung für eine Einwanderung erhielten.“ Wie die DPs in den Jahren zuvor fanden die Menschen aus dem Programm Aufnahme in den USA, Kanada oder Australien. Auf den Emigrationslisten im Archiv des ITS sind ihre Namen mit dem Hinweis „USEP“ (United States Escapee Program) versehen.