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„Jedes Kind sollte in Geborgenheit aufwachsen.“

Das Jahrestreffen der Mitglieder des Vereins „Lebensspuren e.V.“ hat dieses Mal beim International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen stattgefunden. Der Verein ist eine Interessengemeinschaft von Kindern des „Lebensborn“. Auf dem Programm standen verschiedene Vorträge sowie eine Recherche in der Datenbank des ITS. Zudem besuchten Zeitzeugen zwei Schulen in der Region. „Beim Thema ‚Lebensborn‘ offenbart sich besonders deutlich die Doppelgesichtigkeit des Nationalsozialismus zwischen Fürsorge und Vernichtung“, äußerte Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung und Bildung, bei der Eröffnung der Veranstaltung.

Der von der SS getragene Verein hatte das Ziel, die Geburtenrate „arischer“ Kinder zu erhöhen. Im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges übernahm der „Lebensborn“ auch die Betreuung unehelicher Kinder von deutschen Besatzern. Zudem verschleppten die Deutschen aus den besetzten Gebieten Kinder, die dem rassistischen Ideal der NS-Ideologen entsprachen und brachten sie in „Lebensborn“-Heimen unter. „Ich kann mich noch an die Spritzen erinnern und an die Schläge, wenn eines der Kinder vor Angst ins Bett nässte“, berichtete Barbara Pacorkiewicz, die als Kind in Polen ihrer Großmutter entrissen und nach Deutschland entführt wurde.

Die ursprüngliche Identität wurde den entführten Kindern geraubt. Sie erhielten deutsche Namen und eine falsche Geburtsurkunde. Viele suchen immer noch vergeblich nach ihren Wurzeln. „Ich würde alles dafür geben, einmal am Grab meiner Mutter zu stehen“, sagte Volker Heinecke, der als Zweijähriger von der Krim verschleppt wurde, durch mehrere Heime ging und schließlich von einer Hamburger Familie adoptiert wurde. Kinder, die sich als nicht „eindeutschungsfähig“ erwiesen, wurden sie ermordet oder zur Zwangsarbeit überstellt.

Nach 1945 versuchten die Alliierten, die entführten Kinder wieder mit Familienangehörigen zu vereinen. Daher gelangte in das Archiv des ITS mit insgesamt 529 Akten auch ein Großteil der wenigen überlieferten Originaldokumente des Vereins. Die meisten Unterlagen hatten die „Lebensborn“-Verantwortlichen kurz vor dem Heranrücken der alliierten Armeen vernichtet.

Bei kaum einem anderen Thema treffen die Biografien von Opfern und Tätern so eng aufeinander, entstammten die deutschen Kinder des „Lebensborn“ doch in der Regel aus der unehelichen Beziehung einer Deutschen mit einem Angehörigen der Waffen SS oder einem Hochrangigen Wehrmachtsoffizier und die in Skandinavien geborenen aus der Beziehung einer Norwegerin mit einem deutschen Besatzer. Viele der Kinder wissen bis heute nicht den Namen ihres Vaters. Und wer ihn kennt, muss sich damit auseinander setzen, dass der Vater an NS-Verbrechen beteiligt war.

Die Kinder des „Lebensborn“ sollten die Elite der künftigen „arischen Herrenrasse“ bilden und wurden nach den kaltblütigen Maßstäben der NS-Ideologie erzogen. „Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich… Schmerzen muss sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein“, so sah Hitler die heranwachsende Jugend des geplanten „Tausendjähriges Reichs“. Doch die herzlose Erziehung in den „Lebensborn“-Heimen führte eher zu seelisch verarmten, autistischen oder gar ängstlichen Kindern.

Insbesondere die entführten Kinder leiden bis ins hohe Alter unter den Folgen der Entwurzelung und der fehlenden Elternliebe. „Ich habe immer noch Angst in einem Keller“, erzählt Heinecke. „Wenn wir in unserer Muttersprache redeten, wurden wir sofort eingesperrt. Auf dem Boden hatten die Erzieher Erbsen geworfen, an denen wir uns die Knie wund scheuerten.“ Die Schüler der Christian Rauch Schule Arolsen und der Wilhelm-Filchner-Schule Wolfhagen, die sich im Vorfeld der Zeitzeugengespräche mit dem Thema befassten, haben diese Fehlentwicklung in der NS-Erziehung erkannt: „Jedes Kind sollte in Geborgenheit, Sicherheit und Freiheit aufwachsen dürfen“, schrieben sie ihre Gedanken auf einem Plakat nieder, das während der Tagung aushing.

Der Verein „Lebensspuren“ unterstützt die „Lebensborn“-Kinder bei der für sie besonders schwierigen Aufarbeitung der Vergangenheit zwischen Täter- und Opferidentifikation und hilft bei der Suche nach den eigenen Wurzeln. Auf den Jahrestreffen des Vereins werden regelmäßig neue Veröffentlichungen, Erkenntnisse der Forschung und die eigenen Lebensgeschichten besprochen. „Es geht um die Weitergabe des Wissens, aber auch um Versöhnung“, beobachtete Jürgen van der Horst, Bürgermeister der Stadt Arolsen.