a A

Jüdische Opfer im Landkreis Nienburg

Sechs Tage hat Hobbyhistoriker Gerd-Jürgen Groß beim Internationalen Suchdienst (ITS/International Tracing Service) in Bad Arolsen in der Zentralen Namenkartei recherchiert. Der ehrenamtliche Mitarbeiter von Gegen Vergessen – Für Demokratie der Regionalgruppe Hannover arbeitet die Verfolgung der jüdischen Opfer im Landkreis Nienburg/Weser auf. „Am 27. Januar 2013 möchten wir ein Erinnerungsbuch publizieren“, so Groß. „Beim ITS sammele ich weitere Mosaiksteinchen für unser Vorhaben.“

Vor drei Jahren hat der 69-Jährige damit begonnen die Standesamtsregister des Landkreises Nienburg gezielt auf jüdische Bürger durchzugehen. Daneben hat er online im „Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945)“ recherchiert. Sein Interesse für die ehrenamtliche Recherchearbeit hat ein persönliches Erlebnis am Bahnhof Grunewald in Berlin ausgelöst. „Als ich dort mit meiner Frau auf den Zug wartete, schauten wir uns die aneinander gereihten Metallplatten an, die die Deportationszüge in die Konzentrationslager dokumentieren.“ Darunter fand Groß auch das Datum 31. Oktober 1942, sein Geburtstag. „Ich fand es erschreckend an einem Tag in Berlin geboren worden zu sein, an dem andere in den Tod fuhren“, so der Hobbyforscher. „Ich fragte mich weiter, ob wohl ein Mensch, der in diesem Transport war, ebenfalls an dem Tag Geburtstag hatte.“ Durch eine Recherche stieß er auf Fanny Kirschbaum. „Das hat mich sehr erschüttert“, erinnert sich Groß. „Ich habe ihren Lebensweg recherchiert und für sie und ihren Bruder einen Stolperstein verlegen lassen.“

Die ersten 1.001 Menschen aus Hannover wurden am 15. Dezember 1941 ins Ghetto Riga deportiert. Sieben weitere Transporte bis 1944 erfolgten in die Konzentrationslager und Ghettos in Auschwitz, Theresienstadt und Warschau. „Im Landkreis Nienburg gibt es bisher keine Gesamtdarstellung über die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung“, berichtet Groß. „Neben den Namen der Opfer möchten wir auch eine Darstellung der Transporte wiederspiegeln. Soll heißen, wer war in welchem Deportationszug wohin.“ Bei seiner Recherche hat sich der Pensionär vorerst auf die Hinweise auf den Namenskarten verlassen. „Die Originaldokumente werde ich mir zu einem späteren Zeitpunkt gezielt ansehen.“ Insgesamt hat Groß durch seine Vorarbeit in den vergangenen Jahren rund 300 Namen in der Datenbank des ITS geprüft. „Bei vielen Lebenswegen der Opfer konnte ich Informationen zur Verfolgung ergänzen. Bei einigen bin ich sogar auf ganz neue Hinweise gestoßen“, freut sich der Hobbyforscher.