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Kershaw sieht Potenzial für die Forschung

Der bekannte Historiker, Professor Ian Kershaw, hat für sein Buchprojekt über das Kriegsende in Deutschland drei Tage im Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) recherchiert. Sein besonderes Interesse galt der umfangreichen Sammlung zu Todesmärschen. „Ein nicht unwesentlicher Aspekt in meiner Abhandlung“, so Kershaw. Der Brite war zum ersten Mal in Bad Arolsen und zeigte sich begeistert vom Dokumentenbestand.

In seinem Buch will Kershaw den Zeitraum vom gescheiterten Hitler-Attentat im Juli 1944 bis zur Kapitulation im Mai 1945 betrachten. Alle Bereiche von der Politik über die Sozial- bis hin zur Mentalitätsgeschichte der Deutschen sollen einbezogen werden. „Ein Thema wird auch die Behandlung von Fremdarbeitern, Häftlingen und Staatsfeinden sein“, kündigte Kershaw an.

Angesichts der vorrückenden alliierten Truppen zwang die SS Tausende KZ-Häftlinge auf sinnlose Evakuierungsmärsche. Etwa ein Drittel der Häftlinge kam dabei ums Leben. Zu den später deshalb so genannten Todesmärschen liegen im Archiv des Suchdienstes Augenzeugenberichte, Grabmeldungen und detaillierte Aussagen aus verschiedenen Gemeinden vor. Diese mussten auf Befehl der Alliierten 1947 Bericht ablegen über Vorkommnisse während der Todesmärsche in ihrer Region. „Das Material ist sehr unterschiedlich, aber ergiebig“, so Kershaw. „Ich kann guten Gebrauch davon machen.“

Es war der erste Besuch des britischen Wissenschaftlers in Bad Arolsen. „Ich wusste bisher offen gestanden nicht, wo der Ort liegt“, berichtete Kershaw. „Die Existenz des Suchdienstes war mir zwar bewusst, aber der ITS war in dem Sinne nie ein Archiv und auch nicht offen für die Forschung.“ Ein Freund aus Israel habe ihm den Tipp gegeben. „Es ist unglaublich, was hier im Archiv alles liegt. Ich dachte, es gebe nur personenbezogene Dokumente, aber stattdessen sind auch viele Sachakten vorhanden.“

Der Historiker vermutet daher, dass es in der Zukunft einen Zustrom an Doktoranden geben wird. „Noch ist das Archiv relativ unbekannt“, sagte Kershaw. „Es bietet jedoch eine Fülle an Material zu Themen, die noch nicht halbwegs erforscht sind. Allein über die Akten zu den Displaced Persons ließen sich gleich mehrere Arbeiten erstellen.“

In den kommenden Monaten will sich Kershaw voll auf das Schreiben seines Buches konzentrieren. Im Sommer 2010 hofft er, einen ersten Entwurf fertig stellen zu können. „Ich bin schon gespannt auf die Rezeption. Eine Gesamtdarstellung von Deutschland in den letzten Kriegsmonaten fehlt in meinen Augen bislang. Es gibt zwar zahlreiche Bücher. Diese befassen sich jedoch eher mit Einzelaspekten wie der militärischen Niederlage oder dem Geschehen auf lokaler Ebene.“