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Korbach unter dem Nationalsozialismus

Oberstudienrätin Marion Möller recherchiert beim Internationalen Suchdienst (ITS) die Geschichte der nordhessischen Kreisstadt Korbach unter dem Nationalsozialismus. Anfang April kam sie zum sechsten Mal ins Archiv von Bad Arolsen. „Seit der Öffnung des Archivs habe ich Kontakt zum ITS und bin dankbar für die Unterstützung“, sagte Möller. „Die Dokumente des Archivs helfen, wesentliche Lücken in unserer regionalen Geschichtsschreibung zu schließen.“

Möller lehrt Geschichte an der Alten Landesschule in Korbach und forscht im Rahmen von Projektarbeiten gemeinsam mit Schülern. Daneben schreibt sie an einer Dissertation über die „Geschichte Korbachs während des Nationalsozialismus“. Gleichzeitig arbeitet sie engagiert in der 15-köpfigen Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der NS-Euthanasie im Landkreis Waldeck-Frankenberg mit. Forschungsergebnisse sollen im Rahmen einer Ausstellung im Wolfgang-Bonhage-Museum in Korbach ab dem 9. September 2009 der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Auch Korbacher wurden Opfer des Euthanasiebefehls von 1939. Dieser ließ es zu, körperlich oder geistig behinderte Menschen als so genanntes lebensunwertes Leben zu töten. Neun Opfer ermittelte Möller allein für Korbach, „deren tragisches Schicksal kaum zu ermessen ist.“ Darunter waren deutsche Anstaltspatienten ebenso wie sowjetische und polnische Zwangsarbeiter. „An diese Schicksale wollen wir mit der Ausstellung erinnern“.

Bernhard Löwenstern sei eines der Opfer gewesen, berichtet Möller. „Er litt unter leichter Schizophrenie.“ Von den Nationalsozialisten als „erbkrank“ befunden, musste Löwenstern in eine Zwangssterilisierung einwilligen. Unmittelbar nach der Pogromnacht wurde er im November 1938 mit weiteren jüdischen Bürgern verhaftet. Gestapo Kassel, Konzentrationslager Buchenwald, Straf- und Untersuchungsanstalt Kassel-Wehlheiden, Landesheilanstalt Haina, Landesheilanstalt Gießen und Tötungsanstalt Brandenburg waren die Stationen, in denen Löwenstern innerhalb von zwei Jahren festgehalten und gequält wurde. Im Alter von 25 Jahren wurde der Korbacher ermordet. „Beim ITS konnte ich einige Details zu seiner Verhaftung, seiner Internierung in Buchenwald und anschließenden Sicherheitsverwahrung in Kassel-Wehlheiden nachvollziehen“, erzählt Möller.

Mit ihren Schülern hat die Geschichtslehrerin bereits andere Aspekte der NS-Vergangenheit der Stadt Korbach aufgearbeitet. Verschiedene Publikationen sind veröffentlicht worden, unter anderem „Spuren jüdischen Lebens und nationalsozialistischer Machtdemonstration – Der andere Stadtführer durch Korbach/Waldeck“. „Die Arbeit beim ITS hat mich auch auf schulischem Gebiet bereichert. Neue Erkenntnisse konnten unmittelbar in den Geschichtsunterricht einfließen“, sagt Möller. Die Einbindung des ITS mit seinem umfangreichen Dokumentenmaterial in den Geschichtsunterricht sei besonders wichtig, meint die Lehrerin. „Der Umgang mit Originaldokumenten ruft eine Intensität hervor, die Geschichtsbücher nicht leisten können.“ Eine Besonderheit gegenüber den Gedenkstätten bildeten der Umfang und die Verschiedenartigkeit der ITS-Unterlagen aus der Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit.

Da die Geschichte Korbachs während des Nationalsozialismus bisher nicht hinreichend erforscht wurde, plant Möller jetzt auch eine Dissertation zu diesem Thema. Material hat sie zwischenzeitlich reichlich zusammentragen. „Zur Geschichte Korbachs gibt es zahlreiche Dokumente beim ITS“, berichtet sie. Darüberhinaus hat sie bereits im Bundesarchiv Berlin, im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, im Hessischen Staatsarchiv Marburg, in der Gedenkstätte Breitenau, aber auch in Yad Vashem (Israel) recherchiert. „Ich habe unter anderem Akten der Konzentrationslager, Gefängnisbücher, Steuerakten, Gerichtsprotokolle oder Aufzeichnungen der Arbeits- und Gesundheitsämter eingesehen. Durch die konstruktive Unterstützung der ITS-Mitarbeiter bin ich nun wieder ein gutes Stück vorangekommen“, freut sich Möller.