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Lesung aus dem Buch „Das Glück kam immer zu mir“

„Ich hatte großen Respekt vor der ersten Begegnung“, berichtete Autor Alexander Zinn anlässlich der Lesung aus seinem Buch „Das Glück kam immer zu mir / Rudolf Brazda – Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich“ beim Offenen Kanal Kassel im KulturBahnhof am 28. Juni 2013. Zinn lernte Rudolf Brazda bei der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen in Berlin im Mai 2008 kennen. Brazda, der zwischenzeitlich verstorben ist, gehörte zu den wenigen Überlebenden, die - wenn auch spät - offen über die Zeit der Verfolgung sprachen.

Aus der ersten Begegnung erwuchs die Idee zum Buch, erzählt Zinn. Es folgten lange, intensive Gespräche sowie Reisen an die verschiedenen Stationen des Lebens. Während des Nationalsozialismus war Brazda wegen seiner Homosexualität mehrere Jahre in Gefängnissen und im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert gewesen. Im Rahmen der 45-minütigen Lesung, die in Kooperation zwischen dem CSD Kassel e.V. und dem International Tracing Service (ITS) stattfand, ließ Zinn die Persönlichkeit Brazdas lebendig werden.

„Er hatte aufgrund der Verfolgung wenig Alpträume oder Ängste und war immer ein optimistischer Mensch“, sagt Zinn. „Es hat ihn aber Zeit seines Lebens innerlich gewurmt, dass es keine Anerkennung der Verfolgung als ein Unrecht gab.“ Die Einweihung des Denkmals habe er daher als eine späte Genugtuung empfunden. In der Bundesrepublik wurde der von den Nationalsozialisten verschärfte Paragraph 175 erst 1969 reformiert und 1994 endgültig abgeschafft. Im Jahr 2002 wurden pauschal die unter nationalsozialistischer Herrschaft gegen Homosexuelle ergangenen Urteile aufgehoben. Doch eine Entschädigung für seine Haftzeit hat Brazda nie erhalten.

Als die NSDAP 1933 die Macht an sich riss, habe der damals 20-Jährige mit seinem Freund offen zusammen gelebt, berichtet Zinn. Sie hätten sogar zu einer inoffiziellen Hochzeit ins Haus der Mutter eingeladen. „Dies zeugte von Mut, aber auch von Naivität“, so Zinn. Das große Vorbild von Brazda sei die Tänzerin und Schauspielerin Josephine Baker gewesen, der er immer nachgeeifert habe. 1937 erfolgte die erste Verurteilung wegen „widernatürlicher Unzucht“ zu sechs Monaten Haft in Altenburg.

Nach seiner Entlassung wurde der gebürtige Sachse abgeschoben in die Tschechei, aus der seine Eltern stammten. Doch die Verfolgung holte ihn mit der Besetzung des Landes durch die Deutschen auch hier wieder ein. Am 1. April 1941 wurde er erneut verhaftet und nach 16 Monaten im Gefängnis ins KZ Buchenwald deportiert, wo er bis zur Befreiung in Haft blieb. Als eine der ersten Handlungen nähte er sich den rosa Winkel an die Häftlings-Kleidung. „Damit dokumentierte er seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die am unteren Ende der Lagerhierarchie steht“, schreibt Zinn. Überlebt habe Brazda mit Glück und weil ihm Kapos Schutz gewährten.

Greifbar, mit Wortwitz und Einfühlungsvermögen schildert Zinn das Leben von Rudolf Brazda. Dessen persönliche Erinnerungen ergänzt der Autor durch Archivmaterial. Während seiner Recherchen besuchte er auch das Archiv des ITS, wo die Originaldokumente zur Haft im KZ Buchenwald lagern. Rudolf Brazda ist am 3. August 2011 im Alter von 98 Jahren gestorben. Ende Juni 2013 erinnerte die Thüringische Landesregierung mit einem Staatsakt an seinen 100. Geburtstag. Es war der erste Staatsakt für einen homosexuellen Häftling aus der NS-Zeit in der Geschichte der Bundesrepublik.