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„Mein Vater hat mich nicht im Stich gelassen“

„Ich habe lange nach den Spuren meines Vaters gesucht. Endlich weiß ich, dass er mich nicht im Stich gelassen hat.“ Antoine Jules Bukovinszky hat gestern den Internationalen Suchdienst (ITS) und dessen Französische Verbindungsmission in Bad Arolsen besucht. „Ich bin gekommen, um allen, die mir bei meinen Nachforschungen geholfen haben, ‚Danke‘ zu sagen.“

Bukovinszky ist am 13. Januar 1939 in Frankreich geboren. Nur Bruchstücke weiß er aus seiner frühen Kindheit. „Meine Eltern Antoine und Anne waren aus Rumänien und Ungarn 1932 ausgewandert“, erzählt er. „Warum weiß ich nicht. Im Mai 1933 haben sie geheiratet und im August 1933 kam meine Schwester Irene zur Welt.“ Der Vater war bis zu seiner Arbeitslosigkeit im Jahr 1940 als Fabrikarbeiter tätig. „Als der Krieg begann, gab es kaum Arbeit in Frankreich. Für Emigranten, wie meine Eltern es waren, noch viel weniger“, berichtet der 72-Jährige.

Seine Mutter wurde zur selben Zeit schwer krank und verstarb im April 1941. „Mein Vater hatte kein Geld, um uns Kinder zu ernähren. Er musste dringend Arbeit finden“, so Antoine. „Als ich zwei Jahre alt war, kamen meine Schwester und ich zu einer Pflegefamilie.“ Der Vater unterschrieb einen Arbeitsvertrag und ging nach Deutschland. Von dort schickte er regelmäßig Geld für die Versorgung seiner Kinder. „Hin und wieder besuchte er uns“, weiß der Franzose. „Ich kann mich an meinen Vater überhaupt nicht erinnern. Ich besitze nicht mal ein Bild von ihm.“ Seine letzte Nachricht kam im August 1944. Durch die Recherchen konnte Antoine herausfinden, dass noch zwei Monate länger Unterhaltszahlungen eingingen. "Ich wusste bisher nicht, warum mein Vater nach Kriegsende nicht heimgekehrt war.“

Bis zu seinem 16. Geburtstag war er in verschiedenen Pflegefamilien untergebracht und hatte Kontakt zu seiner älteren Schwester. „Dann musste ich mich plötzlich alleine durchschlagen“, so Antoine. „Ich habe Arbeit in einer Fabrik gefunden, absolvierte meinen Wehrdienst und bin dem ‚normalen‘ Leben nachgegangen.“ All die Jahre stellte er sich die Frage, was aus dem Vater geworden sei. Seine Schwester wollte nicht nach dem Schicksal des Vaters recherchieren. Doch damit fand sich Antoine nicht ab. Mehrmals fing er in der Vergangenheit an, den wenigen Spuren nachzugehen. „Als Heimkind ohne Eltern wurde ich oft von Kindern und Erwachsenen als ‚Niemand‘ beschimpft.“

In einigen Archiven hatte der Franzose bereits Nachforschungen betrieben, als er im November 2010 den Hinweis vom Archiv des französischen Verteidigungsministeriums in Caen auf den ITS in Deutschland bekam. „Dafür war ich sehr dankbar, denn ich hatte vom Arolser Suchdienst nie etwas gehört.“ Er stellte einen Antrag und telefonierte oft mit Natalie Letierce-Liebig von der in Arolsen ansässigen Französischen Verbindungsmission. "Kurz darauf bekam ich die Nachricht, dass sie das Schicksal meines Vaters klären und sein Grab finden konnte." Die Nachfragen bei der Stadtverwaltung in Leipzig ergaben zusätzlich die Information, dass das Grab des Vaters dort noch besteht. „Ich war emotional ziemlich berührt, als ich die Informationen über meinen Vater bekam“, berichtet der 72-Jährige. „Er starb kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges.“ Eine Lohn- und Quittungskarte der Metallguß GmbH in Leipzig sowie eine Sterbeurkunde liegen über den Vater im ITS-Archiv vor.

Die Leipziger Stadtverwaltung hat den Franzosen zu seiner diesjährigen Gedenkveranstaltung am 8. Mai als Ehrengast in die Messestadt eingeladen. Antoines Vater war am 6. April 1945 bei einem Luftangriff in der Beethovenstraße in Leipzig getötet worden. „Zum ersten Mal besuche ich das Grab meines Vaters“, spricht der Franzose. „Es ist doch die Ironie des Schicksals, dass ich beruflich mehrmals in der Umgebung von Leipzig tätig war. Ich war so oft nah dran.“