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Menschenbilder und Ideologien zwischen Nationalsozialismus und Rechtsextremismus

Der Internationale Suchdienst (ITS/International Tracing Service) hat in Zusammenarbeit mit dem Modellprojekt Rote Linie am 14. und 15. März 2012 eine Fortbildung zum Thema "Entscheidungen - Menschenbilder und Ideologien zwischen Nationalsozialismus und Rechtsextremismus" angeboten. „Wir wollten die beiden Themen ‚Nationalsozialismus’ und ‚Rechtsradikalismus’ zusammenbringen und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten“, sagte Seminarleiter Reiner Becker vom Projekt Rote Linie. „Es hat sich gelohnt und soll keine einmalige Sache bleiben.“

Zu den 16 Teilnehmern der Fortbildung gehörten Pädagogen und Sozialarbeiter, Polizisten sowie Mitarbeiter der Jugendhilfe und von Beratungsnetzwerken. Die Fortbildung verfolgte mehrere Ziele: Es ging um die Beschäftigung mit Vorurteilen gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten als Grundlage für rechtsextreme Weltbilder, das Erkennen von Kontinuitäten und Unterschieden von der nationalsozialistischen zur rechtsextremen Ideologie, die Thematisierung von Ein- und Ausstiegsprozessen der rechtsextremen Szene sowie eigene Haltungen und Handlungen, um zu klären, welche Präventionsstrategien im pädagogischen Alltag bestehen.

Es seien dieselben menschenverachtenden Bilder und Vorurteile, auf denen der Nationalsozialismus und der Rechtsradikalismus beruhten“, betonte Becker. „Anhand der Opferbiografien im Archiv des ITS können wir insbesondere Jugendlichen vor Augen führen, wohin Ideologien führen können. Das ist hier alles andere als abstrakt.“ Deshalb sei eine langfristige Zusammenarbeit wünschenswert. „Die Positionierung des ITS in diesem Bereich steckt noch in den Kinderschuhen. Aber es ist wichtig, dass wir beginnen“, erläuterte Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung beim ITS. Daher ist der ITS jetzt auch durch Mitgliederbeschluss Teil des BeratungsNetzwerks Hessen geworden, dem Interventionsprogramm gegen Rechtsextremismus.

Der Einstieg von Jugendlichen in die rechtsextreme Szene ist ein schleichender und häufig langwieriger Prozess. Oftmals finden junge Menschen in ihrem Umfeld Menschenbilder wieder, die durch Abwertung anderer Menschen wegen deren Herkunft, Religion, persönlicher Orientierung oder sozialem Hintergrund charakterisiert sind. Die Einstiegsprozesse können unterbrochen werden durch Eltern, Pädagogen, Sozialarbeiter, Polizei und Justiz. Grundlage dafür ist jedoch die individuelle Entscheidung, sich mit den Jugendlichen auseinanderzusetzen. Die Fortbildung habe viele Ansätze für die präventive Arbeit aufgezeigt, sagte Hartmut Ide von der Polizei Bad Wildungen. „Ich nehme gute Kontakte für den Umgang mit diesem tiefgreifenden und komplexen Thema mit.“

Die Materialien und Dokumente des ITS ließen sich gut in die Bildungsarbeit einbringen“, meinte Angelika Ribler von der Sportjugend Hessen. „Es handelt sich um eine wahre Schatzkiste, die mich tief beeindruckt.“ Auch ihr Kollege Stephan Born von Jakob e.V. zeigte sich angetan: „Die Fortbildung hat mich bestärkt, in dem was ich mache. Jedes einzelne Dokument im Archiv des ITS ist eine Zeugenschaft. Diese in die Jugendarbeit mit einzubringen, ist eine spannende Herausforderung. Den pädagogischen Ansatz des ITS kann ich jedem nur empfehlen.“

Über das Modellprojekt Rote Linie

Das Modellprojekt "Rote Linie - Hilfen zum Ausstieg vor dem Einstieg" bietet Beratung, Fortbildung und Informationen für Eltern und Bezugspersonen rechtsextrem orientierter Jugendlicher an. Die Verbindung von Elternberatung, Ausstiegshilfen aus der rechtsextremen Szene und pädagogischer Arbeit mit Jugendlichen ermöglicht einen vollständigeren Blick und koordinierte Interventionsmöglichkeiten, um den schleichenden Prozess des Einstiegs in den Rechtsextremismus unterbinden zu können.