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Multiple Identitäten: Nichtjüdische Juden in der NS-Verfolgung

Vom 6. bis zum 9. Juli 2015 hielt Yad Vashem in Jerusalem seinen 8. Sommer-Workshop im Internationalen Institut für Holocaust-Forschung ab. Im Zentrum des viertägigen Workshops standen wegbereitende Forschungsbeiträge zu „nichtjüdischen Juden“ – das heißt zu jenen, die sich selbst nicht oder nur bedingt als jüdisch verstanden, vom NS-Regime aber als Juden deklariert und verfolgt wurden. Der Workshop richtete sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zu Aspekten des noch wenig bekannten Schicksals dieser Menschen forschen. Dr. Susanne Urban, Leiterin der Abteilung Forschung und Bildung beim International Tracing Service (ITS) war eingeladen, ihre aktuelle Arbeit zur Situation dieser Personengruppe als Displaced Persons (DPs) auf Basis der Dokumente des ITS vorzustellen.

Selbstdefinition und Fremdzuschreibung

Mit insgesamt 18 Beiträgen boten die Teilnehmenden Einblicke in ihre Forschung zu der kaum im öffentlichen und wissenschaftlichen Bewusstsein präsenten Verfolgten-Gruppe der „nichtjüdischen Juden“. Zu ihnen gehören beispielsweise Nachkommen ohne jüdisches Selbstverständnis, konvertierte oder vollständig assimilierte Juden und jene, die in sogenannten Mischehen lebten. Wie sich die Zuschreibungen und die damit einhergehende Ausgrenzung und Verfolgung auf ihre Identität auswirkte, veranschaulichten die Beiträge anhand zahlreicher struktureller Forschungen und anhand exemplarischer Einzelfälle. Assimilierte Juden oder zum Christentum konvertierte Menschen jüdischer Herkunft sahen sich damit konfrontiert, dass ihre Selbstdefinition und damit ihr Leben zerschlagen wurde – nicht nur durch das NS-Regime. Auch die Kirchen vertraten je nach Würdenträger und Region unterschiedliche Politiken; die Konversion bot nur in Ausnahmen Schutz.

Vielfach kam es zu mehrfachen Brüchen der Identität. So beispielsweise bei jüdischen Kindern, die sich während der Shoah alleine in Polen durchschlagen mussten und sich zu ihrem Schutz eine polnische Identität aneigneten – eine andere Sprache, eine andere Religion, eine verleugnete Familie. Nach 1945 folgte der zweite Bruch: Die Kinder sollten zu ihrer jüdischen Identität zurückkehren, die emotional oft mit schrecklichen Erlebnissen und der Ermordung ihrer Angehörigen verknüpft war.

Identitäten nichtjüdischer Juden als DPs

Dr. Susanne Urban rückte in ihrem Beitrag die Situation deutscher „Halbjuden“ oder „Mischlinge“ nach der Befreiung in den Blick. Datengrundlage dafür boten Fragebögen und Unterlagen der International Refugee Organization (IRO) aus Beständen des ITS. Sie geben Auskunft über DPs, die Unterstützung und oftmals auch die Ausreise beantragten. „Meine Frage an Dokumente war, wie sich diese Menschen selbst definierten“, berichtet Urban. „Haben sie sich selbst als Deutsche, DPs oder als Juden bezeichnet? Und: Haben sie sich selbst so wahrgenommen, oder wollten sie der IRO mit der Benennung ihr Verfolgungsschicksal verdeutlichen?“ Anhand von Fallbeispielen zeigte ihr Vortrag, wie sich einzelne Personen definierten, wie sie die Verfolgung erlebten und ob die IRO sie als unterstützungsberechtigt bewertete.

Im Vordergrund des Workshops standen die multiperspektivischen Identitäten der sogenannten „nichtjüdischen  Juden“ sowie das Bestreben, sie in das Narrativ der Shoah zu integrieren. Die Teilnehmenden zeigten großes Interesse an den Dokumenten des ITS – einige kündigten ihren Forschungsaufenthalt in Bad Arolsen an.

Der Yad Vashem Summer Workshop findet jährlich statt und hat sich zum Ziel gesetzt, Randthemen der Holocaustforschung stärker in den Blick zu rücken sowie den engen wissenschaftlichen Austausch zu fördern. Weitere Informationen zu den International Annual Summer Workshops finden Sie auf der Website des International Institute for Holocaust Research.