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Nach 66 Jahren die eigene Identität gefunden

„Ich fühle mich erleichtert. Ich kann endlich Frieden finden“, sagt George Jaunzemis. Der 69-Jährige wusste nie, wer seine Mutter war, wie er wirklich hieß oder wo er geboren wurde. Diese Fragen konnte der Internationale Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen jetzt lösen. Von seiner leiblichen Mutter war George als Vierjähriger in den Wirren der Nachkriegszeit getrennt worden. Mitte Mai 2011 traf er erstmals seine Verwandten und besuchte seinen Geburtsort Magdeburg.

Aufgewachsen ist George bei Anna Jaunzemis in Neuseeland - bei einer Frau, die sich als seine Mutter ausgab und es doch nicht war. „Ich habe es immer vermutet“, erzählt Jaunzemis. „Sie benahm sich nicht wie eine Mutter. Sie war kühl, nahm mich nicht in den Arm. Und wenn ich ihr das vorhielt, wurde sie ärgerlich.“ Über die Vergangenheit wollte die gebürtige Lettin nie sprechen, schon gar nicht über die Zeit des Zweiten Weltkrieges. „Fragte ich nach einer Familie, sagte sie nur: ‚Sie sind alle tot.’“ Der Vater sollte angeblich ein Offizier auf einem U-Boot gewesen sein.

Tatsächlich kam George am 18. Oktober 1941 in Magdeburg unter dem Namen Peter Thomas auf die Welt. Seine Mutter hatte sich in den belgischen Kriegsgefangenen und späteren Zwangsarbeiter im Bahnpostamt von Magdeburg, Albert van der Velde, verliebt. Unmittelbar nach dem Kriegsende heirateten die Beiden am 22. Mai 1945 im Standesamt Magdeburg-Altstadt. Albert nahm Peter als seinen Sohn an. Die Familie ging gemeinsam nach Belgien. Doch Gertrud hatte keine Einreisepapiere und kam für drei Monate in ein Internierungslager. Mutter und Sohn wurden getrennt, der vierjährige Peter in einem Lager für Displaced Persons untergebracht.

Hier nahm sich die 46-jährige Lettin Anna Rausis des Kindes an, nannte es George und wanderte mit ihm nach weiteren Stationen in DP-Lagern in Lübeck und München über Italien am 20. Mai 1949 an Bord des Schiffes „Dundalk Bay“ nach Neuseeland aus. Ihren Namen änderte sie in Rause, später in Jaunzemis. Vergeblich versuchten Albert und Gertrud van der Velde jahrelang nach dem verloren gegangenem Sohn. Auch die Alliierten beteiligten sich an der Suche – eine 150 Seiten umfassende Kindersuchakte liegt heute im Archiv des ITS.

„Meine Suche drehte sich im Kreis.“

Jaunzemis litt während seiner Kindheit immer unter der Ungewissheit über seine Herkunft, berichtet er. „Alle hatten Familie. Doch ich hatte niemanden, zu dem ich gehen konnte. Es ist ein einsames Leben ohne familiäre Wurzeln.“ Seine Suche begann 1978 nach dem Tod von Anna, zunächst in Neuseeland. „Ich wollte die Einwanderungspapiere sehen“, berichtet Jaunzemis. „Doch ich bekam keine Informationen.“

Einen ersten Durchbruch brachte der Kontakt mit Lettland. „1997 reiste ich erstmals dahin. Der Name Jaunzemis statt Rause hielt mich allerdings auf. Schließlich fand ich heraus, dass Anna allein ausgereist war aus Lettland im Oktober 1944.“ Über die angebliche Geburt eines George Jaunzemis in Riga im November 1941 gab es keinerlei Papiere. „Von daher habe ich immer gedacht, ich sei vielleicht eines der 300 Waisenkinder, die damals mit an Bord des Schiffes Richtung Deutschland waren“, erzählt Jaunzemis. „Es war ein Schock herauszufinden, dass alle meine Theorien letztlich falsch waren.“

Im Jahr 2000 zog Jaunzemis nach Lettland, nachdem er hier seine Frau kennen gelernt hatte. Er intensivierte die Suche, doch „sieben Jahre lang drehten sich meine Nachforschungen im Kreis. Ich hatte das Gefühl, es wird nichts mehr. Der ITS war meine letzte Anlaufstelle.“ Hierhin schrieb er im Oktober 2009. Nach anderthalb Jahren konnte der ITS in Zusammenarbeit mit der Stadt Magdeburg, dem lettischen und dem belgischen Roten Kreuz die wahre Identität von Geroge Jaunzemis, alias Peter Thomas, klären und Verwandte finden. „Erst dachte ich, dass kann unmöglich sein. Doch dann fügte sich alles zusammen. Die Dokumente vom ITS, die anderen Unterlagen, die ich bereits hatte, alles passte zusammen. Ich fühle eine ungeheure Erleichterung. Ständig hatte mich die Frage gequält, wer meine Eltern waren.“

Geburtsort Magdeburg besucht

Das Geburtshaus in Magdeburg steht nicht mehr, doch es gab einen Empfang durch den Bürgermeister. „Es ist sehr emotional“, meint Jaunzemis. „Ich bin froh, dass ich eine Familie habe, auch wenn es sich noch komisch anfühlt. So viel Zeit ging verloren.“ Zwei Cousins in Magdeburg und einen Neffen in Berlin traf der Neuseeländer und heutige Lette bei einem einwöchigen Deutschlandbesuch Mitte Mai 2011. „Das Treffen mit dem Sohn meiner Schwester war ein Highlight“, strahlt Jaunzemis. „Er wusste immer, dass es da irgendwo noch einen Onkel gab. Als ich ankam, gab es erstmal eine Umarmung. Ich weinte fast. Da war so viel Unterstützung, so viel Verständnis und von vorneherein keine Distanz.“ Seine Schwester Gerda hatte mit Hilfe des Roten Kreuzes in der DDR nach ihm gesucht, erfuhr Jaunzemis. Doch unter dem Namen Peter Thomas hatte sie keine Chance und dann war da noch die Mauer zwischen Ost und West. Gerda war 1945 bei den Großeltern in Magdeburg zurückgelassen worden. Sie starb im Januar 2007.

Jaunzemis’ Mutter Gertrud ist ebenfalls verstorben im April 2009 in Belgien - ein halbes Jahr, bevor Peter beim ITS nachfragte. Ihr Mann Albert lebt heute in einem Altersheim in Belgien. Er ist 90. „Er möchte mich nicht sprechen, ließ mir nur ausrichten, dass ich ihm leid täte“, so Jaunzemis. „Der deutschen Familie hat er verschwiegen, wo sich das Grab meiner Mutter befindet.“ Dies wird jetzt der ITS noch versuchen zu klären. „Das alles ist eine Riesenüberraschung für uns“, sagt Cousin Joachim Sumpmann aus Magdeburg. „Schließlich galt Peter in der Familie immer als verschollen.“ Die Familie tauschte Fotos aus und zeichnete den Stammbaum auf. „Wir sind froh, dass es so gekommen ist“, meint Sumpmann

„Die Airforce gab mir eine Gemeinschaft.“

Über die Gründe und Motive von Annas vermutlicher Kindesentführung kann auch Jaunzemis nur spekulieren. „Fakt ist, sie wollte mich nie aufgeben“, erinnert er sich. Von 1949 bis 1952 lebten er und Anna in Wellington, danach in Christchurch. „Sie war Analphabetin“ erzählt Jaunzemis. „Sie hat nie geheiratet, arbeitete als Haushälterin, Hilfsköchin oder Fabrikarbeiterin. Sie lernte nie richtig englisch und hatte große Schwierigkeiten, sich in Neuseeland zu integrieren.“ 1952 kam der Junge zwischenzeitlich unter staatlicher Aufsicht wegen Vernachlässigung.

Nach dem Ende der Schulzeit ging George 1967 weg von Zuhause zur Airforce. Als Mechaniker reparierte er Flugzeuge. „Die Armee gab mir eine Gemeinschaft. Das Verhältnis zu Anna wurde im Laufe der Zeit immer distanzierter.“ Bis zur Rente hielt es Jaunzemis bei der Airforce, zuletzt im Museum, das er mit aufgebaut hatte. „Meine Gefühle Anna gegenüber sind heute gemischt. Ich versuche, sie zu verstehen. Mal hasse ich sie, mal nicht. Irgendwie hat sie mich schließlich aufgezogen. Wenn ich zurückblicke, ist da keine große Nähe, keine echte Beziehung.“

„Meinen 70. Geburtstag möchte ich in Deutschland feiern.“

Pläne für die Zukunft kann Jaunzemis noch nicht schmieden, erst muss er die Erlebnisse verarbeiten. „Meinen 70. Geburtstag würde ich gerne in Deutschland feiern“, kündigt Jaunzemis an. Und über eine Namensänderung denkt er nach. „Meine Freunde nennen mich bereits Peter. Doch da ich die neuseeländische und lettische Staatsbürgerschaft habe, dürfte eine formelle Namensänderung schwierig werden.“