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Nach 66 Jahren zurück in Indersdorf

„1943 wusste ich, dass ich alleine auf der Welt war.“ Steve Israeler war 14 Jahre alt, als ihn die US-Army auf dem Todesmarsch aus dem KZ Flossenbürg Richtung Dachau befreite. Seine komplette Familie wurde im Holocaust ermordet. Zusammen mit anderen Kindern wurde er nach der Befreiung zum Kloster Indersdorf, einem dort eingerichteten DP Children’s Center der United Nations Relief and Rehabilition Administration (UNRRA), gebracht. Nach 66 Jahren reisten er und sieben weitere dieser Kinder Mitte Juli nach Indersdorf zurück. Die Überlebenden erhielten dort Kopien von Unterlagen aus dem Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen. Diese Schriftstücke umfassten Listen und personenbezogene Unterlagen – gleichsam Bruchstücke ihres damaligen Lebens unter NS-Verfolgung und anschließender Betreuung durch die UNRRA.  

Im Kloster Indersdorf fanden zahlreiche Kinder und Jugendliche Zuflucht, die den Holocaust überlebt hatten und aus Konzentrationslagern oder als Zwangsarbeiter befreit wurden. Sie waren nach dem Krieg ohne Angehörige, Nahrung und Unterkunft. Die heimatlosen Kinder konnten mit Hilfe der Sozialarbeiterin Greta Fischer und einem Team der Vereinten Nationen bis zur Repatriierung oder Emigration aufgefangen und betreut werden. „Meine Eltern haben mich geliebt, mein Kindermädchen Marisia war wie eine zweite Mutter für mich“, sagt Steve während des Besuchs. Er fand Tanten und weitere Cousins in Frankreich wieder. Später gelangte er nach New York und baute sich dort eine neue Existenz auf. „Ich wollte raus, raus aus Europa, diesem großen Friedhof.“

Die jüdischen Überlebenden und die vor der Befreiung in Heimen zurück gelassenen Lebensborn-Kinder besuchten gemeinsam neben dem Kloster Indersdorf auch die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und waren Teilnehmer am Symposium: „Was hilft Kindern, ihr späteres Leben zu meistern?“ Nach einer Präsentation über Traumata von Kindern in der Shoah und Traumata von Kindern heute, erzählten die Überlebenden in Einzelgruppen von ihren Erlebnissen und reflektierten ihr Leben nach und mit dem erlittenen Trauma. Sie alle waren sich einig, dass Kinder Liebe und das Gefühl von Sicherheit in einer freien Gesellschaft benötigen.

Foto: Norbert Habschied