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Nach mehr als 70 Jahren: Abschiedsbrief des Vaters überreicht

Bild zeigt: Bilder der Söhne von Peter Will
Bilder der Söhne von Peter Will

Der niederländische Widerstandskämpfer Peter Will schrieb vor seiner Deportation in das KZ Neuengamme einen Abschiedsbrief an seine Frau und die sechs Söhne, den er jedoch nie abschicken konnte. Jetzt hat der International Tracing Service (ITS) den Söhnen die Brieftasche ihres getöteten Vaters mit diesem Brief und Familienfotos aushändigen können.

Im Dezember 1943 wurde der 47-jährige Peter Will in Nijmegen verhaftet. Er war aktiv im Widerstand, hatte abgeschossenen Piloten der Alliierten geholfen und die illegale Zeitschrift „Trouw“ verteilt. Nach einigen Monaten Haft wurde er dem NS-Sicherheitsdienst übergeben und kam im Mai 1944 in das Durchgangslager Amersfoort. Als Peter Will erfuhr, dass er in ein deutsches Konzentrationslager überstellt werden würde, schrieb er einen emotionalen Brief an seine Familie. Peter Will starb in den letzten Tagen vor der Befreiung, nachdem die SS das KZ Neuengamme hatte räumen lassen auf der Irrfahrt eines Zuges, der überfüllt mit kranken und entkräfteten Häftlingen war.

Der Widerstandskämpfer musste gehofft haben, dass der Brief vielleicht über Mitgefangene oder andere Wege seine Familie erreichen würde. Doch passierte dies erst 2015, nachdem eine Bekannte der Familie auf die Brieftasche von Peter Will aufmerksam geworden war. Sie hatte die Fotos in dem neuen Online-Archiv des ITS entdeckt. Ihr Hinweis sorgte dafür, dass die Übergabe an die Familie nach mehr als sieben Jahrzehnten möglich wurde. Der 1928 geborene Sohn Peter Will und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Joop kamen dafür zum ITS nach Bad Arolsen, begleitet von einer Enkelin und ihrem Mann.

„Für uns hört die Geschichte nie auf“

Die beiden Brüder waren tief bewegt, als sie die eng beschriebenen Zeilen ihres Vaters in den Händen hielten. Zu erfahren, dass es diesen Brief gibt, war für sie fast ein Schock. Joop Will beschrieb das Gefühl: „Für uns war das ganz emotional. Man erwartet das nicht mehr.“ Die Familie hat sich entschieden, nicht über den Inhalt des Briefes zu sprechen, der so persönlich vom Vater nur an sie gerichtet war. Außerdem befanden sich Familienfotos in der Brieftasche, darunter eines, das Vater und Mutter mit den ältesten Söhnen zeigen. Auch das ist für die Familie ein Schatz, denn sie hatten von Peter Will bis dahin nur ein Bild.

„Für uns hört die Geschichte nie auf, sie bleibt immer in den Gedanken“, so Joop Will. Seine Brüder Peter und der älteste Bruder Bert, der selbst im Widerstand gewesen war und untertauchen musste, haben den Lebensweg des Vaters für die jüngeren Brüder und die Generation der Enkel akribisch genau nachgezeichnet und ein kleines Buch darüber verfasst. Sie besuchten für ihre Recherchen die NS-Gedenkstätten und begaben sich auf eine Reise auf den Spuren des Vaters, der in dem Kommando Meppen-Versen, einer Außenstelle des KZ Neuengamme, unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten musste. Peter Will (junior) berichtet, seine Familie habe 1949 vom Gemeindeamt Nijmegen eine Bibel, den Ehering und einen Füllfederhalter ausgehändigt bekommen. Auch deshalb hätten sie nie vermutet, dass weitere persönliche Gegenstände erhalten sein könnten. Tatsächlich war die Brieftasche des Vaters bei den von der britischen Armee 1945 in der Nähe von Husum sichergestellten persönlichen Gegenständen von Häftlingen aus dem KZ Neuengamme. Bevor diese sogenannten Effekten aus Neuengamme um 1963 zum ITS kam, war die Brieftasche einem falschen Namen zugeordnet worden. Ohne die im Oktober 2015 erfolgte Veröffentlichung im ITS Online-Archiv hätte die Brieftasche vermutlich nie zurückgegeben werden können.

Das Schicksal des Vaters klärte sich nach und nach

Die Vergangenheit holte die Familie des Widerstandskämpfers Peter Will mehrfach ein. Es begann damit, dass sie in den 1950er Jahren erst durch eine im Namen des Präsidenten Dwight D. Eisenhower für Peter Will ausgestellte Ehrenurkunde davon erfuhren, dass ihr Vater nicht nur verbotene Druckschriften verteilt hatte, sondern auch abgeschossenen Piloten der alliierten Streitkräften bei der Flucht aus dem Land geholfen hatte. Durch spätere Gespräche mit Veteranen konnten sie nachvollziehen, dass ihr Vater, der von Beruf Fleischbeschauer gewesen war, die englischen und amerikanischen Piloten in einem verlassenen Häuschen am Schlachthof untergebracht hatte. Mit diesem Wissen erinnerten sich die älteren der Söhne, dass er oft mit einem Fernglas auf der Terrasse stand, die Luftangriffe beobachtete und dann verschwand.

Lange Jahre stand die Suche nach dem Todesdatum und dem Grab für die Familie im Mittelpunkt. Die Söhne fanden heraus, dass Peter Will zwischen dem 13. und 18. April 1945 gestorben sein musste. Der Zug mit den erkrankten Häftlingen war am 8. April zunächst in Richtung des KZ Bergen-Belsen gestartet und dann vor der vorrückenden Front über Brandenburg im Umkreis von Hamburg gekreist. Peter Will war einer der 300 Toten, die am 18. April in einem Massengrab in Brillit vergraben wurden, insgesamt starben über 800 Häftlinge auf dieser den Todesmärschen ähnlichen Zugfahrt. 1954 fand eine Umbettung der 300 Toten in Einzelgräber statt. 1961 erhielt die Familie einen Fragebogen über Erkennungszeichen des Vaters. Anhand der Informationen zu Körpergröße, Knochenbrüchen und zum Zahnprofil gelang Experten die Zuordnung. So konnten die Gebeine von Peter Will am 27. September 1966 auf einem Ehrenfeld im niederländischen Loenen bestattet werden.