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"Nach mehr als zehn Jahren Nachforschungen bin ich endlich am Ziel"

Jean Klerykowski, dessen Vater während des Zweiten Weltkrieges im Konzentrationslager Mauthausen inhaftiert war, ist Anfang September 2011 zum  Internationalen Suchdienst (ITS) gekommen, um sein zweites Buch „Après les camps...Le calvaire continue“ (Nach den Lagern... geht die Hölle weiter) vorzustellen und sich bei der beim ITS ansässigen französischen Verbindungsmission für deren Hilfe in den vergangenen vier Jahren zu  bedanken. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es so viele Dokumente beim ITS gibt“, sagt der 72-Jährige nach einer Führung im Archiv. „Seitdem ich in Rente bin, habe ich Zeit zu recherchieren. Und die Motivation, die Wahrheit über meine Geschichte zu erfahren, ist nur weiter angewachsen.“

Jeans Vater Tadeusz Klerykowski, der im polnischen Poznan (Posen) zu Hause war, wurde 1941 als Widerstandskämpfer von den Nationalsozialisten verhaftet und wegen Hochverrats verurteilt. Am 17. Januar 1943 überstellte ihn die Stapo Posen ins KZ Mauthausen. Hier musste er unter anderem in den Arbeitskommandos von Gusen und Steyr im Steinbruch und der Rüstungsproduktion arbeiten. „Die Dokumente, die ich vom ITS erhalten habe, hatten mir neue Informationen zu der Deportation und dem Nachkriegszeitaufenthalt in Deutschland meines Vaters geliefert", berichtet Klerykowski. „Es blieben aber noch viele offenen Fragen, die ich unbedingt klären wollte. Mein Vater wurde am 5. Mai 1945 durch die US Armee befreit und doch hatte ich nie das Glück, ihn kennenzulernen.“

Die Mutter Anna schlug sich mit den beiden 1939 und 1940 geborenen Kindern Jean und Basia in Polen durch bis zum Eintreffen der Roten Armee. Dann ging sie nach Frankreich, wo sie Unterkunft bei ihrem Bruder Leon Rawecki im französischen Chartres fand. Doch das nationalsozialistische Regime und die Folgen des Krieges hatten ihr die Kraft geraubt, so dass sie im Oktober 1946 verstarb. Jean und Basia waren von da an auf sich gestellt.

Zwar hatte der Vater überlebt, doch der Onkel gab die Kinder nicht heraus. Rawecki ließ dem Roten Kreuz über das Kommissariat in Chartres ausrichten, die Kinder seien bei einer polnischen Familie in England untergekommen und er selbst unbekannt verzogen. „Mein Vater glaubte uns verloren“, weiß Jean heute. Tadeusz lebte nach dem Kriegsende zunächst im DP Camp bei München, bis er repatriiert wurde und später erneut heiratete. „Uns Kindern hat mein Onkel erzählt, unser Vater wäre tot“, erinnert sich Klerykowski.

Er selbst wurde von seinem Onkel geschlagen, in einem Gartenverschlag untergebracht und kaum ernährt. „Für mich zählte nur die Frage, ob ich was essen kann. Viele Alltagsdinge habe ich nie gelernt.“ Die Schwester, die im Haus mit dem Onkel lebt, missbraucht dieser jahrelang. Erst als Jean das Haus seines Onkels verlassen kann und eine Ausbildung anfängt, erfährt er das wahre Schicksal seines Vaters. Im Juli 1956 kommt der damals 17-Jährige unter die staatliche Aufsicht der Kinderfürsorge. Hier wird die Suche wieder aufgenommen. „Es war sehr mühselig, da Briefe nach Polen bis zu zwei Monaten brauchten“, berichtet Klerykowski. „Zwei Wochen vor dem geplanten Treffen mit meinem Vater ist dieser dann an einem Herzinfarkt gestorben.“

Jean Klerykowski schrieb ein Buch zu Ehren seines Vaters, das 2009  unter dem Titel  „Pourquoi ça à un enfant ?“ (Warum wird dies einem Kind angetan?) erschien. Jedoch konnte er keinen Frieden finden. „Ich wollte die Wahrheit ans Licht bringen und zeigen, wie mein Onkel mit der Mithilfe von damaligen Beamten es schaffen konnte, zwei unschuldige Kinder zu entführen, ohne jemals dafür belangt zu werden“. Er hakte immer wieder bei Institutionen und Stellen nach, bei denen er die entsprechenden Beweise vermutete. Seine Beharrlichkeit wurde belohnt. 2011 bekam er endlich vom polnischen Konsulat in Paris authentische und offizielle Dokumente, die er in seinem zweiten Buch veröffentlichen konnte. „Diese Suche nach der Wahrheit hatte ich mir zur Lebensaufgabe gemacht. Ich war fest entschlossen, diese bis zum Ende zu führen. Das habe ich jetzt auch geschafft“, meint Klerykowski.