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Neue Erkenntnisse zur Pulverfabrik Liebenau

Der Forscher Martin Guse hat beim Internationalen Suchdienst (ITS) Dokumente zur ehemaligen Pulverfabrik Liebenau untersucht. Ab 1941 wurden dort im Auftrag des Oberkommandos des Heeres weit über 40.000 Tonnen Pulver und Raketentreibsätze produziert. Über 11.000 Zwangsarbeiter und sowjetische Kriegsgefangene waren eingesetzt. Mehr als 2.000 starben an Unterernährung und Misshandlungen. „Ich habe sehr viel gefunden“, so Guse. „Es sind interessante Dokumente dabei.“

Das Werk Liebenau umfasste auf einer Fläche von zwölf Quadratkilometern knapp 400 Gebäude und verschiedene Lager für die Unterbringung der Zwangsarbeiter. Im Rahmen der Entschädigung von osteuropäischen Zwangsarbeitern war das Interesse an dem Ort Ende der Neunziger Jahre wieder aufgekommen. „Viele Überlebende haben uns gefragt, ob es denn vor Ort noch etwas zu sehen gibt“, erzählt der 50-Jährige. „Und das Gelände ist in der Tat nahezu komplett erhalten geblieben, da hier bis 1994 noch für die Nato produziert wurde.

Was als bürgerschaftliches Engagement begann, mündete 1999 in einen Verein und schließlich in eine Ausstellung. „Die Kommune hat unser Anliegen und die Idee einer gemeinsamen Aufarbeitung der Geschichte sofort unterstützt. Auch das Land Niedersachsen beteiligte sich an den Kosten“, berichtet Guse. Derzeit arbeitet der Verein als Träger der Dokumentationsstelle Liebenau am Manuskript zu einer umfangreicheren Publikation zur Geschichte der Pulverfabrik. Die Arbeiten zum Umbau eines historischen Gebäudes zu einer erweiterten Dokumentations- und Gedenkstätte laufen parallel.

Daneben rekonstruiert der Verein die Namen der sowjetischen Kriegsgefangenen und der Zwangsarbeiter auf dem Werksfriedhof. „Hier sollen etwa 250 Tote in einem Massengrab verscharrt worden sein. Wir möchten ihnen ihren Namen zurück geben“, erläutert der Forscher. „Auch den Familien wird es viel bedeuten, eine Grablage zu kennen und nicht nur die Angabe ‚verschollen’.“ Im Archiv des ITS seien insbesondere die Meldungen aus den Landkreisen zu Zwangsarbeitern von Interesse, die auf Befehl der Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zusammengestellt wurden.

„Biografische Aspekte lassen sich mit Hilfe des ITS vertiefen“, erklärt Guse. „Wie ein Mosaik setzt sich das Bild zusammen. Wir werden jetzt wesentlich mehr zu einzelnen Zwangsarbeitern erzählen können.“ Umgekehrt will der Forscher dem ITS auch das Material der Dokumentationsstelle anbieten. „Laut ITS-Archiv komme ich auf 6.500 Namen ehemaliger Zwangsarbeiter. Wir wissen von etwa 11.000.“ Einen wichtigen Durchbruch bei seiner Archivrecherche hatte Guse bereits bei einem Besuch in der Ukraine erlebt, als er Einblick in die Unterlagen aus den Filtrationslagern des sowjetischen Geheimdienstes erhielt. In den so genannten Filtrationslagern waren die ehemaligen Zwangsarbeiter danach verhört worden, ob sie freiwillig für den Feind gearbeitet hätten. „Hier lagen Originalwerksausweise vor“, berichtet der Forscher begeistert.

Ein wesentlicher Schwerpunkt der Dokumentationsstelle ist die Beteiligung von Jugendlichen bei der Aufarbeitung der Geschichte des Ortes. Die Jugendlichen nehmen an Zeitzeugengesprächen und am Jugendaustausch mit Ländern teil, aus denen die Zwangsarbeiter stammten. Und Sie haben eine eigene Broschüre und eine Website erstellt. „Da ich mit der Tabuisierung des Themas aufgewachsen bin, liegt mir die Einbindung der Jugendlichen im Sinne der Friedensarbeit und Verständigung besonders am Herzen“, erklärt Guse, der hauptberuflich als Sozialpädagoge arb