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Neue Themen für die Pädagogik

Rundgang durch Trutzhain.

Die Hessische Landeszentrale für politische Bildung hat gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen zu einer Fortbildung vom 16. bis 19. Oktober 2013 eingeladen. 25 Pädagogen verschiedenster Schulformen trafen sich in Oberaula, um sich unter dem Oberthema „Vom frühen KZ zum DP-Camp: Breitenau und Trutzhain in Nordhessen“ mit nationalsozialistischer Verfolgung und den Überlebenden, sogenannten Displaced Persons (DPs), zu befassen. Der International Tracing Service (ITS) war über ein Referat in das Seminar involviert.

Die Teilnehmer besuchten während der Fortbildung die Gedenkstätten Breitenau und Trutzhain. 1939 auf der „grünen Wiese“ als Stalag IX A errichtet, wurden in Trutzhain bis zur Befreiung im April 1945 Kriegsgefangene unter anderem aus Polen oder Frankreich inhaftiert. Später wurden dort auch Gefangene aus der Sowjetunion und die als „Italienische Militärinternierten“ bezeichneten italienischen Soldaten festgehalten. Das Stalag verwaltete bis zu 50.000 Menschen, von denen circa 11.000 ständig im Lager waren. Die restlichen Gefangenen wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet. Nach der Befreiung war das Gelände zunächst für belastete Deutsche als „Civil Interment Camp“ genutzt. Schließlich wurden Baracken als DP-Camp für jüdische Überlebende vor allem aus Polen ein Transitraum.

Namhafte Referenten wie Wolfgang Benz, der das Lagersystem des Nationalsozialismus analysierend vorstellte oder Mark Spoerer, der über die Zwangsarbeit im von Deutschland besetzten Europa sprach, zeigen, dass diese Veranstaltungen der beiden Landeszentralen Reputation weit über die Grenzen der zwei Bundesländer hinaus haben. Zugleich geriet bei der Tagung ein Thema ins Blickfeld, das bis heute kaum diskutiert wird: „Asoziale“ und „Gemeinschaftsfremde“ im Nationalsozialismus. Der ITS befasst sich über die als pauschal „asozial“ abgestempelten und in KZ verschleppten bzw. ermordeten Sinti und Roma ebenfalls intensiv mit einer der Gruppen, die solchermaßen ein Stigma auferlegt bekam.

Susanne Urban vom International Tracing Service sprach während der Fortbildung über die Institution und ihre Ursprünge, um anschließend auf die besondere Situation jüdischer DPs einzugehen. Anders als jene, die repatriiert wurden und Strukturen vorfanden, an die sie anknüpfen konnten, waren diese in der Regel mit der totalen Zerstörung ihrer Lebenswelten konfrontiert. Es zeigte sich, dass insbesondere die Pädagogen aus Thüringen einen großen Bedarf an Informationen zu diesem Thema haben, hatte es doch einerseits keine DP-Camps in der sowjetischen Besatzungszone gegeben und andererseits waren Juden in der DDR nicht als eigenständige Opfergruppe anerkannt worden. Großes Interesse zeigten die Teilnehmer an den pädagogischen Programmen des ITS und der für 2014 angekündigten Ausstellung zu DPs.

Die Fortbildung wurde auch bereichert durch den Vortrag von Fritz Brinkmann-Frisch, der als Leiter des Dokumentations- und Informationszentrums Stadtallendorf die Auseinandersetzung mit der massiven Zwangsarbeit im Ort voranbrachte. Klaus Ahlheim befasste sich mit Erinnerungsstrukturen an den Nationalsozialismus in Ost und West und mit der Frage, ob Gedenkstättenfahrten als Prävention gegen Rechtsextremismus dienlich sein können.

Die Tagung zeigte deutlich, dass Themen, die eher abseits des üblichen Fokus liegen – von marginalisierten Häftlingsgruppen bis zu DPs – in der Pädagogik Neugier erwecken und zugleich in Curricula implementiert werden sollten. Der ITS kann durch seine von der UNESCO als Weltdokumentenerbe anerkannten Sammlungen erheblich dazu beitragen, die Pädagogik zu inspirieren, waren sich die Teilnehmer einig.