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„Niemals ist vom Aufgeben die Rede“

Autorin Inge Geiler

Auf berührende Weise hat Inge Geiler vor rund 50 Zuhörern beim Internationalen Suchdienst (ITS/International Tracing Service) in Bad Arolsen aus ihrem Buch „Wie ein Schatten sind unsere Tage - Die Geschichte der Familie Grünbaum“ gelesen. Bei Renovierungsarbeiten war die Autorin in einer Wandverkleidung hinter der Heizung ihres Wohnzimmers auf ein Bündel Papiere gestoßen, die versteckt wurden von dem jüdischen Ehepaar Meier und Elise Grünbaum. Zu Beginn der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wohnte das Paar bis zur Deportation in das Ghetto Theresienstadt in diesem Zimmer.

„Im Sommer 1986 fand ich 47 Briefe, acht Postkarten, Dutzende Dokumente und handschriftliche Mitteilungen“, berichtet Geiler über ihren Fund. „Alles bedeckt von einem Bündel des ‚Jüdischen Nachrichtenblatts‘“. Leute, ich bin zu unglücklich…., las die 77-Jährige in steiler, ausgemalter Schrift auf einem der Papiere. ‚Ich wollte, ich wäre nicht zur Welt gekommen‘ auf einem anderen. „Da erschien mir das Zimmer plötzlich grau und dunkel. Es wurde finster“, erinnert sie sich.

Geiler hatte überlegt die Papiere an die jüdische Gemeinde in Frankfurt abzugeben, doch zuerst wollte sie ihre eigene Neugier stillen und mehr über diese Familie herausfinden. Nach 20 Jahren fand sie die Zeit und Kraft den Spuren der Familie nachzugehen. Bei zahlreichen Standes- und Meldeämtern suchte sie in Geburts- und Sterberegistern und setzte Stück für Stück das Bild einer großen Familie zusammen. Auch im Archiv des ITS werden Dokumente zum Schicksal der Grünbaums aufbewahrt.

Die gesammelten Informationen flossen in ihr 528 Seiten starkes Werk. Geiler berichtet in ihrem Buch vom Lebens- und Leidensweg der Grünbaums, beschreibt aber auch die Gesamtlage der Juden im nationalsozialistischen Deutschland. „Um den Alltag der Familie nachzuvollziehen, habe ich die Gesetze der Judenverfolgung zwischen 1933 und 1945 genauestens studiert“, erzählt sie.

Zwar war die wirtschaftliche Lage des Paars gut, der Tod der beiden Kinder und die Grausamkeiten des NS-Regimes aber setzte Meier und Elise stark zu. Blickt man auf all die Dokumente, so wird laut Geiler trotz allen Leidens eines jedoch klar: Niemals ist vom Aufgeben die Rede. Am 18. August 1942 werden die Grünbaums von Frankfurt nach Theresienstadt deportiert. Nach der Ankunft im Ghetto werden sie nach über 50 Jahren Ehe von den Nationalsozialisten getrennt. „Am 3. September 1942 verstirbt Meier Grünbaum an Herzversagen, 19 Tage später nimmt sich seine Frau als Bewahrung ihrer letzten menschlichen Würde das Leben“, endet Geiler ihren Vortrag.

Inge Geiler
„Wie ein Schatten sind unsere Tage – Die Geschichte der Familie Grünbaum“
Schöffling & Co.
528 Seiten. Leinen. Mit zwei Bildteilen.
€ 28,95   €[A] 29,80   SFR 39,50
ISBN: 978-3-89561-487-3