a A

Noch rund 10.000 Namen offen

Eine Kopie der digitalen Daten zum Konzentrationslager Flossenbürg und die Recherche nach Material aus der Nachkriegszeit waren die beiden Ziele, die sich Johannes Ibel, wissenschaftlicher Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, für seinen einwöchigen Aufenthalt beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen Ende September gesetzt hat. „Die digitale Recherche ist ein enormer Zeitvorteil bei der Masse an Daten“, sagte Ibel. „Wenn wir das Know-how der Gedenkstätten und des ITS zusammenbringen, können wir vom gegenseitigen Wissen profitieren und unsere Kenntnisse vertiefen.“

Acht Jahre lang hat der Historiker in der Gedenkstätte Flossenbürg eine Häftlingsdatenbank aufgebaut. Sie umfasst mittlerweile über 90.000 Namen von Opfern. Offen sind noch rund 10.000 Namen, die vor allem auf die letzten Kriegswochen zurückgehen. „Die Schreibstube im KZ hörte auf zu arbeiten, und Tausende kamen auf den Todesmärschen ums Leben“, so Ibel.

Unter den von 1938 bis 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg und den Außenlagern internierten Häftlingen waren vor allem politische Häftlinge aus Osteuropa. Ab Mitte 1944 kamen mit dem Vormarsch der Roten Armee auch etwa 20.000 polnische und ungarische Juden aus den osteuropäischen Lagern hinzu. Rund 30.000 Menschen verloren durch gezielte Tötungen und die katastrophalen Lebensbedingungen ihr Leben.

Für seine Recherchen zur Häftlingsdatenbank hat Ibel inzwischen die Welt bereist. Die Originale der Bücher mit Häftlingsnummern sichtete er als eine wichtige Quelle in Washington D.C., aber auch in Moskau und in vielen anderen Archiven Europas fand der Wissenschaftler Material. „Der größte Teil der Unterlagen zu Flossenbürg liegt jedoch hier in Bad Arolsen“, berichtete Ibel. „Ich bin froh, dass wir die Dokumente jetzt uneingeschränkt für die Recherche nutzen können. Die Mitarbeiter vom ITS unterstützen uns nach Kräften.“

Unter den Dokumenten sind die nahezu vollständig erhaltenen Effektenkarten, mit deren Hilfe die amerikanischen Befreier bereits 1945 ein vierbändiges Namensbuch erstellten. „Die Effektenkarten verraten uns auch Wohn- und Geburtsorte der Opfer, die wir noch nicht hatten“, so Ibel. Daten zu Flossenbürg, die beim ITS bereits digitalisiert und indiziert wurden, nimmt Ibel als Kopie für die Gedenkstätte mit. Im Sonderstandesamt der Stadt scannte seine Kollegin Daniela Bernhard zudem „Sterbezweitbücher“ und „Sterbefallanzeigen“, die aus dem damaligen Standesamtes des Lagers stammen und Auskunft über die Namen von Toten geben. Mit Hilfe von beim ITS vorhandenen Exhumierungs- und Umbettungsprotokollen will der Historiker zudem noch Daten zu den rund 5500 Gräbern in Flossenbürg herausfinden. Bislang existieren nur zu 20 Prozent der Gräber in der Gedenkstätte Namen von Opfern.

Als weiteres Projekt stehen für Ibel Nachforschungen zu einer Ausstellung über die Nachkriegsgeschichte des KZ auf der Tagesordnung, insbesondere über das DP-Camp Flossenbürg. Von 1946 bis 1947 waren hier rund 2000 polnische Katholiken untergebracht, deren Schicksal Ibel anhand der beim ITS vorhandenen Repatriierungslisten und CM1-Akten (Care and Maintenance/Fürsorge und Unterhalt) recherchiert. Die Eröffnung der Ausstellung ist für das Jahr 2010 in der ehemaligen Häftlingsküche des KZ geplant.

KZ-Gedenkstätte Flossenbürg im Internet: www.gedenkstaette-flossenbuerg.de