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„Ort des ehrwürdigen Gedenkens an die Opfer des Holocausts und anderer Naziverbrechen“

Abschiedsveranstaltung des IKRK in Bad Arolsen.

Anlässlich des Empfangs zum Rückzug des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) aus der Leitung des Internationalen Suchdienstes (ITS) am 29. November 2012 hat IKRK-Präsident Peter Maurer der Bundesregierung für die gute Zusammenarbeit gedankt. Das Mandat, das mit der Unterzeichnung der Bonner Verträge im Juni 1955 begonnen hatte, habe für das IKRK „immer eine große Bedeutung“ gehabt, so Maurer. „Jetzt wird der ITS ein Stück unabhängiger.“ Als Ehrengast und Hauptredner bei der Veranstaltung, zu der etwa 400 Gäste in die Fürstliche Reitbahn des Welcome Hotels in Bad Arolsen gekommen waren, begrüßte Maurer den Holocaust-Überlebenden Professor Thomas Buergenthal.

Der Rückzug des IKRK sei keinesfalls ein Bruch, sondern stünde für eine kontinuierliche Weiterentwicklung des ITS, sagte Maurer. „Der Forschungs-, Erinnerungs- und Archivarbeit wird künftig ein stärkeres Gewicht zufallen.“ Die Vertreterin der Bundesregierung, Ministerialdirektorin Dr. Ingeborg Berggreen-Merkel dankte dem IKRK für seinen Einsatz. „Durch ihre unermüdliche Arbeit konnten im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte über zehn Millionen Auskünfte erteilt, Schicksale aufgeklärt und Familien wieder zusammengeführt werden, die durch Krieg und Schreckensherrschaft auseinandergerissen wurden.“

Ziel der Bundesregierung sei es, „über die Ursachen und Wirkungen der NS-Terrorherrschaft aufzuklären, um dadurch den antitotalitären Konsens in der Gesellschaft zu festigen und das Bewusstsein für den Wert der freiheitlichen Demokratie und der Menschenrechte zu stärken.“ Dazu könne der ITS einen wichtigen Beitrag leisten. „Die Geschichten, die in den Unterlagen des ITS liegen, warten darauf erzählt und an die nächste Generation weitergegeben zu werden.“

Die Rede von <media 972 - - "TEXT, IKRK Abschied, IKRK_Abschied.pdf, 3.0 MB">Peter Maurer</media> und von <media 1024>Dr. Ingeborg Berggreen-Merkel</media>

„Es ist die einzige Gedenkstätte meines Vaters.“

Besonders eindringlich waren die Worte von Professor Thomas Buergenthal, der als Kind ins jüdische Ghetto von Kielce (Polen) und später in die Konzentrationslager von Auschwitz und Sachsenhausen verschleppt worden war und mit Hilfe des ITS Ende 1946 seine Mutter in Göttingen wieder fand. „Heute habe ich zum ersten Mal in der Kindersuchakte gelesen, wie sehr sie unter der Trennung gelitten, wie sicher sie aber auch an mein Überleben geglaubt hatte“, erzählte Buergenthal. „Ich bin froh, dass das Archiv des ITS offen steht, wenn auch 60 Jahre zu spät.“

So hätten er und seine Mutter nie gewusst, in welchem Lager sein Vater gestorben war. „Erst vor kurzem haben wir es aus den Dokumenten des ITS erfahren“, berichtete Buergenthal. „Es ist furchtbar, wenn es Lücken gibt. Man fühlt sich unvollständig als Mensch.“ Deshalb sei das Archiv des ITS so wichtig, bedeuteten ihm die Informationen so viel. „Es ist die einzige Gedenkstätte meines Vaters. Andere gibt es nicht, nicht einmal einen Grabstein mit einer Inschrift auf einem Friedhof, wo meine Familie unserer Liebe und Anerkennung Ausdruck geben könnten für einen Mann, der sterben musste, weil ein mörderisches Regime verfügte, dass er kein Recht darauf hatte zu leben.“

Die Dokumente im Archiv des ITS müssten für alle Zeit bewahrt und erhalten werden, „um die Opfer der schrecklichen Verbrechen des Naziregimes zu ehren und ihrer zu gedenken (...) Ohne dieses Dokumentenmaterial wäre es zukünftigen Generationen wahrscheinlich völlig unmöglich sich vorzustellen, geschweige denn zu glauben, dass diese fürchterlichen Verbrechen tatsächlich und in diesem ungeheuren Ausmaß stattgefunden haben.“ Er hoffe, dass Forscher aus verschiedenen Teilen der Welt dazu ermutigt würden, nach Bad Arolsen zu kommen, um sich mit den Dokumenten zu beschäftigen. „Es ist auch ganz wesentlich, dass der ITS seine Bildungsarbeit fortführt. Hier ist es möglich, Einblicke in die Ursachen dieser tragischen Zeit zu gewinnen und zu versuchen, die Denkweise der ‚gewöhnlichen Deutschen’ nachzuvollziehen.“

Buergenthal selbst war nach dem Ende des Krieges in die USA ausgewandert zu einem Onkel. „Wäre ich in Deutschland geblieben, hätte ich das Geschehene nie verarbeiten können. Es ist da, jeden einzelnen Tag.“ Zeit seines Lebens hat sich der Überlebende den Menschenrechten und der Gerechtigkeit gewidmet. „Mich treibt die Zukunft an. Ich will nicht, dass sich so etwas noch einmal wiederholt. Wozu haben wir schließlich überlebt? Doch auch damit wir dazu beitragen, dass anderen nicht dasselbe widerfährt.“ Noch heute unterrichtet der 78-Jährige Recht an der George Washington Universität, nachdem er 2010 sein Amt als Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag niedergelegt hatte. Sein Schicksal lässt sich auch nachlesen in dem 2007 erschienenen Buch „Glückskind“.

Die vollständige Rede von <media 972 - - "TEXT, IKRK Abschied, IKRK_Abschied.pdf, 3.0 MB">Thomas Buergenthal</media>