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Präsentation von Forschungsergebnissen zu „Eindeutschungs-Polen“

Erste Ergebnisse des gemeinsamen Forschungsprojektes „Wenn aus Liebe ein Verbrechen wird“ haben die Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert sowie der International Tracing Service (ITS) am 13. Mai 2013 vorgestellt. Im Mittelpunkt steht das Schicksal der so genannten „Eindeutschungs-Polen“. Es handelte sich v.a. um polnische Zwangsarbeiter, die eine Liebesbeziehung zu einer deutschen Frau hatten und nicht wie üblich mit dem Tode bestraft wurden, sondern seit 1942 zur „Überprüfung ihrer Eindeutschungsfähigkeit“ nach Hinzert überstellt wurden.

Rund 1.000 „Eindeutschungs“-Häftlinge sollen in dem Lager inhaftiert worden sein. „Etwa 300 Schicksale der Polen, aber auch der Frauen und Kinder konnten mit den Dokumenten des ITS illustriert werden“, berichtete Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung und Bildung beim ITS. Dr. Beate Welter, Leiterin der Gedenkstätte Hinzert, wies darauf hin, dass die Dokumente auf unterschiedlichen Ebenen wichtig sind: „Es sind noch rund 5.000 Dokumente auszuwerten. Diese Recherchen sind für Überlebende wie für ihre Nachfahren wichtig. Außerdem haben wir etliche neue historische Erkenntnisse gewinnen können“ Die Überprüfung der „Eindeutschungsfähigkeit“ basierte auf einer „rassischen Überprüfung“, die die Familie und das äußere Erscheinungsbild einschloss. Zudem wurde das Verhalten der Häftlinge beobachtet.

Wenn sich ein Zwangsarbeiter als „eindeutschungsfähig“ erwies, wurden die Heirat und Gründung einer Familie geduldet. Wer den Test in den Augen der Nationalsozialisten dagegen nicht bestand, kam als Zwangsarbeiter in ein anderes KZ. Die deutschen Frauen wurden in der Regel ins Gefängnis oder das KZ Ravensbrück verschleppt. Kinder, die aus diesen Beziehungen hervorgingen und deren Mütter verhaftet wurden, kamen entweder bei Verwandten unter oder wurden zur Adoption frei gegeben.

Als Kinder einer Beziehung zwischen einer Deutschen und einem polnischen Zwangsarbeiter berichteten Ingelore Prochnow und Anne Böhnisch anlässlich der Veranstaltung in Hinzert von den schwierigen Bedingungen, unter denen sie aufwuchsen und von den Demütigungen, die ihre Eltern erleiden mussten. Neben Kindern aus den polnisch-deutschen Verbindungen war mit dem 94-jährigen Alois Halat auch ein als „E-Pole“ Inhaftierter anwesend.  Ihm ist es wichtig, dass diese einzigartige Häftlingskategorie und die damit verbundenen Demütigungen bekannter werden und die Erinnerung wach gehalten wird.

Ingelore Prochnow wurde im KZ Ravensbrück geboren und verlebte dort die ersten Monate ihres Lebens . „Ohne die Solidarität der Frauen im Lager wäre das Überleben undenkbar gewesen“, sagte sie. Mutter und Tochter überlebten, doch die junge Frau ließ ihre Tochter 1947 allein in einem Flüchtlingslager in Siegen zurück und verschwand. Ingelore wurde von einem fremden Ehepaar mitgenommen. „Ich war ein ängstliches, verschüchtertes, heute würde man sagen, traumatisiertes Kind“. Ihre leibliche Mutter lernte sie erst mit Mitte 40 kennen. Eine Bindung zwischen Tochter und Mutter entstand nicht. Von ihren väterlichen Wurzeln erfuhr Ingelore wiederum nur Jahre später dank der Recherchen des Journalisten Thomas Muggenthaler im Archiv des ITS. Nach dem Tod ihrer Mutter erhielt sie endlich Auskunft aus den Archiven und ein Foto des aus Polen stammenden Maurers, der die Lager Hinzert, Sachsenhausen, Bergen-Belsen und Dachau überlebte.

Anne Böhnisch wuchs bei den Großeltern auf. Das letzte Lebenszeichen ihrer Mutter kam aus dem KZ Ravensbrück. Ihren Vater, der nach dem Krieg nach Kanada auswanderte, hat Böhnisch nie kennengelernt. Dank des ITS konnte sie aber eine polnische Cousine und deren Familie treffen, mit der sie ein enger Kontakt verbindet. So erfuhr sie ein wenig mehr über ihren Vater. „Mein Lieblingsbild zeigt ihn im Garten. So sehe ich meinen Vater – stattlich und stark“, erzählte Böhnisch.

Seit 2009 existiert eine Kooperation des ITS mit der Gedenkstätte Hinzert. Nach verschiedenen Recherchen der Leiterin, Dr. Beate Welter, im ITS gab es zunächst eine Lehrerfortbildung im Jahr 2010 und schließlich 2011 eine Vereinbarung über das Projekt zu den sogenannten „Eindeutschungs“-Polen („E-Polen“), einer in dieser Form ausschließlich im KZ Hinzert vorhandenen Häftlingsgruppe.