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Recherche zu „Eindeutschungs-Polen“

v.l. Susanne Urban und Beate Welter

Ein Kooperationsprojekt mit dem Internationalen Suchdienst (ITS/International Tracing Service) zu den sogenannten „Eindeutschungs-Polen“ hat Dr. Beate Welter, Leiterin der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert, Ende Oktober 2012 nach Bad Arolsen geführt. „Über 900 Namen mit dem Hinweis ‚E‘ für ‚Eindeutschungs-Polen‘ sind im vergangenen Jahr in der Datenbank des ITS recherchiert worden,“ berichtet Welter. „Die Dokumente sowie die Korrespondenz im Archiv des ITS helfen ungemein an diese vergessene Opfergruppe, die es so nur in Hinzert gab, zu erinnern und Strukturen zu erforschen.“

Als „Eindeutschungs-Polen“ haben die Nationalsozialisten jene polnischen Zwangsarbeiter kategorisiert, die eine Liebesbeziehung zu einer deutschen Frau hatten und nicht wie üblich mit dem Tode bestraft wurden, sondern seit 1942 zur „Überprüfung ihrer Eindeutschungsfähigkeit“ nach Hinzert überstellt wurden. Neben dem „äußeren Erscheinungsbild“ nach den Rassekriterien der Nationalsozialisten, wurden die „Charaktereigenschaften“ sowie die engsten Angehörigen der Männer überprüft. Wenn in den Augen des NS-Regimes die Häftlinge als „unbedenklich und einwandfrei“ galten, wurden sie nach einer gewissen Zeit in Hinzert in der Regel zu ihrem Arbeitgeber zurückgeschickt und dazu verpflichtet, die Frauen zu heiraten.

Oft waren die Kinder, die aus diesen Beziehungen hervorgingen, zwischenzeitlich geboren. „Um Nachahmer abzuschrecken, musste die junge Familie schnellstmöglich den Ort verlassen“, weiß die Gedenkstättenleiterin. „Doch viele von diesen ‚schönen‘ Geschichten gab es nicht. Die meisten Häftlinge wurden in andere Lager, darunter vor allem das KZ Natzweiler, deportiert. Dort wurden sie ermordet.“

In den vergangenen Jahren seien vermehrt Anfragen von Familienangehörigen in der Gedenkstätte eingegangen, die um Schicksalsklärung ihrer Angehörigen gebeten haben, so die Historikerin. „Gemeinsam mit dem Forschungsbereich beim ITS haben wir Ende 2011 mit der systematischen Aufarbeitung dieses Themas begonnen. Zum einen soll das Thema gründlich erforscht werden, zum anderen können so nach und nach den Angehörigen vollständigere Informationen gegeben werden. Aber auch im Hinblick auf die pädagogische Arbeit ist dieses Thema von Interesse.“

Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung und Bildung beim ITS, unterstützt diesen Ansatz. „Jugendliche können sofort emotional nachvollziehen, was es bedeuten kann, wenn eine Liebe nur heimlich gelebt werden darf. Zudem wird deutlich: die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen, denn die Kinder dieser verbotenen Beziehungen leben noch – und suchen nach Wurzeln, Verankerungen, Familien. Sie tragen die Last dieser Verfolgung in sich.“