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Recherche zur „Mühlviertler Hasenjagd“

Der Freiburger Student Christian Kretschmer beschäftigt sich im Rahmen seiner Magisterarbeit mit Kriegsgefangenen im KZ Mauthausen und der „Mühlviertler Hasenjagd“ im Februar 1945. Während seiner einwöchigen Recherche im Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen nahm er Einsicht in fast 500 Akten. „Ich habe mir sämtliches Listenmaterial zum KZ Mauthausen angesehen, vor allem die Totenbücher des KZ Mauthausen und Fluchtberichte aus verschiedenen Lagern. Besonders aufschlussreich fand ich die Todesmeldungen der Form ’auf der Flucht erschossen’, da es sich dabei meiner Ansicht nach um eine systematische Form der Tötung gehandelt haben muss.“

In der Nacht zum 2. Februar 1945 unternahmen etwa 500 Häftlinge einen Fluchtversuch aus dem Todesblock 20 des KZs Mauthausen. Mit den Feuerlöschern ihrer Baracke und diversen Wurfgeschossen griff eine Gruppe die Wachmänner an, während eine zweite Gruppe mit feuchten Decken und Kleidungsstücken den elektrischen Zaun kurzschloss. Die Häftlinge kletterten über die Mauer und versuchten das Lagerareal zu verlassen. Noch am selben Morgen rief die SS-Lagerleitung die „Treibjagd“ aus. Ziel der Jagd war es, alle geflohenen Häftlinge zu ermorden. Keiner sollte lebend ins Lager zurückkehren.

Bei dieser sogenannten „Mühlviertler Hasenjagd“ wurden die entflohenen überwiegend sowjetischen Kriegsgefangenen von nationalsozialistischen Verbänden, Soldaten und Zivilisten förmlich „gejagt“. „Es handelt sich um eine vor allem in Österreich prominente Geschichte, die letztendlich aber bis heute wenig erforscht ist“, erzählt der Student. Dass ein Ausbruch der Häftlinge aus Mauthausen gelingen konnte, stellt nicht nur einen einzigartigen Vorfall in der Geschichte des Lagers da, sondern sei außerdem zugleich der größte erfolgreiche Massenausbruch von Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges. „Die ganze Geschichte ist aus verschiedenen Gründen einmalig. Nicht nur die Flucht und die ‚Jagd’ an sich, sondern auch die Häftlingsgruppe selbst machen das ganze so besonders“, erzählt Kretschmer. „Eigentlich hätten die sowjetischen Kriegsgefangenen gar nicht in Mauthausen sein dürfen. Sie kamen dorthin aufgrund eines Geheimbefehls, der bis heute im Original nicht bekannt ist.“

Kretschmer setzt bei seiner Magisterarbeit mehrere Schwerpunkte. „Ich will aufzeigen, wie das allgemeine Prozedere in Fluchtfällen aussah und wie und warum die Kriegsgefangenen nach Mauthausen kamen. Neben diesen Vorgeschichten und der Rekonstruktion der Flucht interessiert mich, wie mit dem Thema nach dem Krieg umgegangen wurde.“ Die Aufarbeitung beinhaltet sowohl die Justiz, die künstlerische Verarbeitung in Gedichten, Romanen und Erzählungen und die Erinnerungsarbeit.

Die „Mühlviertler Hasenjagd“ zählt zu den Verbrechen der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Beispiellos macht sie aber vor allem die exzessive Teilnahme von Zivilisten an den Verfolgungs- und Tötungsmaßnahmen. „Da ich wenig Literatur darüber gefunden habe, wurde mein Interesse an diesem Verbrechen geweckt. Umso interessanter sind daher die Akten, die ich beim ITS gefunden habe. Besonders glücklich bin ich, weil mir ein anderer Besucher beim ITS einen Zeitzeugen vermittelt hat, der damals als Häftling in Mauthausen die Geschichte miterlebt hat“, so der Student. „Nach dieser und noch folgenden Recherchen in anderen Archiven hoffe ich, dass die Gedenkstätte Mauthausen meine Ergebnisse zum Schluss auch veröffentlichen wird.“