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Recherche zur Repatriierung ehemaliger sowjetischer Zwangsarbeiter

Historikerin Ulrike Goeken-Haidl recherchiert beim ITS.

Historikerin Ulrike Goeken-Haidl hat gestern zum ersten Mal den International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen besucht. In 2002 hatte sie ihre Dissertation unter dem Thema „Der Weg zurück. Die Repatriierung sowjetischer Zwangsarbeiter während und nach dem Zweiten Weltkrieg“ bei der Universität in Freiburg eingereicht. Ihr gleichnamiges Buch ist in 2007 erschienen. „Damals war das Archiv des ITS für die Forschung noch nicht geöffnet“, so Goeken-Haidl. „Ich bekomme leuchtende Augen, wenn ich sehe, welche Möglichkeiten sich beim ITS ergeben.“ Jetzt plant sie einen Beitrag für das Jahrbuch 2014 des ITS.

Kontakt hatte die 45-Jährige zu ehemaligen Verfolgten des Nationalsozialismus erstmals durch ihren damaligen weißrussischen Freund. „Seine Großmutter war als Zwangsarbeiterin in der Eifel eingesetzt. Nie hatte sie mit ihrer Familie über das Erlebte gesprochen“, erzählt die Nürnbergerin. „Nachdem sie sich mir gegenüber geöffnet hat, fing ich an zu recherchieren.“ Dabei ging sie der zentralen Frage nach, wie es sein konnte, dass dieses Thema in der ehemaligen Sowjetunion verschwiegen wurde.

Die Tatsache, dass Millionen sowjetische Soldaten bis Ende 1941 in Kriegsgefangenschaft geraten waren, wertete die Sowjetregierung als eine illoyale Einstellung. Das Überleben wurde den Gefangenen leicht als Kollaboration ausgelegt, schreibt die Historikerin in ihrem Buch. Ein beträchtlicher Teil der Heimkehrer, ob Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangener, wurde in eigens für sie geschaffenen Filtrationslagern überprüft und bei einem Kollaborationsverdacht anschließend in Gulags deportiert.

Peter Stoba aus Pinsk, Weißrussland, war einer von über fünf Millionen Menschen, der sich von Stalins Regime dem Vorwurf der kollektiven Kollaboration ausgesetzt sah und sechs Jahre im Gulag verbrachte. „Während eines Zeitzeugeninterviews erzählte mir Stoba von seinem Schicksal“, erinnert sich Goeken-Haidl. „Er berichtete mir von seiner vorherigen Inhaftierung in verschiedenen NS-Konzentrationslagern. Beim ITS habe ich seinen Namen in die Datenbank eingegeben und fand Dokumente, die seine Geschichte belegen.“ Diese will sie nun an die Angehörigen von Stoba schicken. „Ich falle von einer Ohnmacht in die nächste“, beschreibt sie ihre Gefühle bei der Recherche. „Ich finde hier bestätigt, was mir die Zeitzeugen damals berichteten.“