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Schüler recherchieren Schicksale von Juden und Sinti aus Nordhessen

26 Schüler der Jahrgangsstufe 10 der Filchner-Gesamtschule Wolfhagen haben zwei Tage im digitalen Archiv und der Bibliothek des Internationalen Suchdienstes (ITS) recherchiert. Dabei suchten die Schüler nach Lebensläufen von Juden und Sinti aus Nordhessen und deren Schicksalen während der nationalsozialistischen Verfolgung. Auch Überlebende, die nach dem Krieg in Camps für Displaced Persons in Nordhessen lebten, waren ein Thema der Geschichtswerkstatt. „Durch die Originalunterlagen beim ITS und die Recherche nach einzelnen Schicksalen ändert sich mein Blick auf die NS-Geschichte“, sagt Schüler Nico Mander.

Der Gesamtschüler hat sich gemeinsam mit seinem Mitschüler Yannick Bernhardt zwei Lebenswege von Juden angeschaut, die aus Kassel deportiert wurden. „Zu beiden Schicksalen liegen unterschiedliche Dokumente vor“, berichtet Nico. „Zu Siegfried Ziering haben wir die Deportationsliste nach Riga und eine Korrespondenzakte gefunden, zu Walter Bacher zahlreiche Unterlagen über seine Haft in Riga, Stutthof und Buchenwald.“ Erstaunt zeigten sie sich über die Masse der Dokumente. „Die Bürokratie, die dahinter steckt, ist erschreckend“, so Nico.

Geschichte zu verorten und in die methodische Arbeit von Wissenschaftlern reinzuschnuppern seien die Hintergründe der Geschichtswerkstatt, so der betreuende Studienrat Marcus von der Straten. „Die Zeit der NS-Verfolgung bringen wir den Schülern heute nicht mehr nur über das Faktenwissen aus den Schulbüchern nahe. Vielmehr wollen wir Geschichte anhand von konkreten Schicksalen vermitteln.“ Diese beiden Quellen müssten zusammengebracht werden, damit die Schüler einen besseren Bezug herstellen können. „Es geht nicht um die Zahl der Opfer sondern um die einzelnen Menschen. Von Auschwitz und Buchenwald haben die Schüler gehört. Doch was in ihrer unmittelbaren Umgebung passierte, ist meistens neu für sie“, erklärt von der Straten.

Magdalena Kesper und Daria Spilevoj haben das Schicksal der Sintifamilie Petermann aus Kassel recherchiert. „Von der fünfköpfigen Familie hat nur einer die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald und Mittelbau überlebt. Ihn finden wir auf einer Überlebendenliste vom 12. Mai 1948 wieder“, berichtet Magdalena. Es sei erschreckend für sie gewesen, in den Deportationslisten die letzten Wohnorte der Menschen zu lesen. „Querallee, Goethestraße, Leipziger Straße. All die Straßen in Kassel kenne ich“, so die Schülerin. „Wenn ich jetzt die Schicksale recherchiere von den Menschen, die in diesen Häusern lebten, ist das ein komisches Gefühl.“

Betreut wurden die Schüler von ITS-Historikerin Dr. Susanne Urban und ihrem Team. Die Ergebnisse werden die Schüler im Unterricht weiter auswerten und in der Schule ausstellen. Urban zog ein erstes Resümee: „Die Jugendlichen in ihrer Empathie und ihrem Entsetzen, ihrem Erstaunen und zugleich ihrem Wunsch, dieser Menschen zu erinnern, zu erleben, ist wunderbar. Darüber hinaus führen wir sie in das wissenschaftliche Arbeiten ein – ein Metier, was allgemein für die Bildung und Ausbildung wichtig ist.“