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Seminar zu frühen Zeugnissen und Texten Überlebender

Der Internationale Suchdienst (ITS) hat gemeinsam mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universität Gießen am vergangenen Wochenende ein dreitägiges Seminar zu Zeitzeugenberichten im Archiv des ITS veranstaltet. Zehn Studierende, drei Historiker und sieben Literaturwissenschaftler, haben sich mit den frühen Zeugnissen und Texten von Überlebenden des Holocaust befasst. „Es war ein dichtes und unglaublich erfolgreiches Wochenende, das meine Erwartungen weit übertraf“, sagte Seminarleiter Professor Sascha Feuchert. „Mit diesem Archiv hat sich den Studenten eine Schatzkammer geöffnet.“

Im Dokumentenbestand des ITS gibt es Aussagen von Überlebenden für Prozesse, Berichte in Kindersuchakten, Briefe, Tagebücher sowie Fragebögen der Alliierten. Die Texte entstanden zumeist direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Diese frühen Zeugnisse seien von der Forschung lange vernachlässigt worden, erklärte Feuchert. „Wir haben uns in der Literaturwissenschaft bisher vor allem mit den publizierten Werken befasst. Die Texte hier im Archiv weisen aber eine frappierende Ähnlichkeit auf. Unabhängig von der Form sind auch sie geprägt von einer starken Literarisierung und Emotionalisierung.“

Die Studierenden betrachteten mehrere Texte im Hinblick auf den Stil, den Entstehungszusammenhang, den historischen Kontext und die Biografien der Überlebenden. Dazu zählte etwa ein Tagebuch von Hans Horwitz aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen oder eine 30-seitige Zeugenaussage von Zdenka Fantlova, die das Ghetto Theresienstadt sowie die Lager Groß-Rosen und Bergen-Belsen überstand. „Es ist ungeheuer interessant, sich diese Zeugnisse einmal aus der literaturwissenschaftlichen Perspektive anzusehen“, äußerte Studentin Anne Thürmer. „Sie haben viel mit der Erinnerungskultur zu tun.“

Die Studierenden analysierten, wie die Überlebenden zu den unterschiedlichen Zeitpunkten über ihr Leben berichteten. Sie gingen auch der Frage nach, inwiefern das Geschehene ihre Einstellung zum Leben geprägt hat. Ein besonderes Augenmerk legten sie auf den Vergleich zu literarischen Werken von Überlebenden, wie etwa Jurek Becker oder Solly Ganor, zu deren Schicksalen sich ebenfalls Unterlagen im Archiv des ITS befinden. „Die Recherche benötigt Zeit“, meinte Student Johannes Berscheid. „Aber sie lohnt sich auch für die spätere Arbeit mit Schülern.“

Die drei Historiker unter den Seminarteilnehmern planen gemeinsam mit weiteren Studenten eine Ausstellung zu Überlebenden unter dem Titel „Displaced Persons in Mittelhessen“. Sie soll Ende des Jahres fertig gestellt sein. Im Archiv des ITS suchen sie auch nach Zeitzeugen, die sie dafür interviewen können. „Es ist unglaublich spannend, was hier alles lagert“, sagte Sebastian Müller. „Wir werden für weitere Nachforschungen wieder kommen.“

Der ITS wollte mit dem Seminar erreichen, dass die ersten Zeugenaussagen von der Forschung und Pädagogik stärker wahrgenommen werden. „Auch für uns haben sich mit dem Seminar wieder neue Türen geöffnet“, sagte Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung beim ITS. „Es hat uns gezeigt, wie unterschiedlich sich die Dokumente nutzen lassen. Gerade die Bestände zu den Überlebenden bieten uns Einblicke, die andernorts so nicht möglich sind.“ Gemeinsam mit der Universität Gießen plant der ITS künftig regelmäßige Seminare und Vorträge.