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„Solche Details sind wichtig für meine Arbeit“

Historiker Robert Kain.

Seine Dissertation mit dem Titel „Otto Weidt. Vom Anarchisten zum ‚Gerechten unter den Völkern‘. 1883-1947.“ hat Robert Kain Ende Februar 2013 zum Internationalen Suchdienst (ITS/International Tracing Service) nach Bad Arolsen geführt. Der Kleinfabrikant Otto Weidt versuchte während der Zeit des Nationalsozialismus seine jüdischen Angestellten vor den bevorstehenden Deportationen zu schützen. „Die Daten seiner Schützlinge gleiche ich in der Datenbank des ITS ab, ergänze sie durch neue Informationen und versuche Widersprüche zu klären“, so der Historiker.

Weidt war Besitzer einer Blindenwerkstatt in Berlin. Seine Werkstatt produzierte Produkte, die unter anderem an die Wehrmacht sowie städtische Behörden verkauft wurden und galt daher als „kriegswichtiger Betrieb“. Vom Arbeitsamt ließ er sich jüdische Zwangsarbeiter zuweisen, ein Versuch sie vor Verfolgung und der Deportation in die Vernichtungslager zu schützen. „Weidt engagierte sich als junger Mann in der anarchistischen Arbeiterbewegung“, erzählt der 37-Jährige. „Einige seiner damaligen Genossen waren Juden. Außerdem lebte er eine Zeit im damals überwiegend jüdisch geprägten ‚Bayerischen Viertel’, wo er viele Freundschaften zu jüdischen Nachbarn schließen konnte.

Sein Einsatz ging über die Beschaffung von Arbeitsplätzen hinaus. „Seine Sekretärin Alice Licht wurde im Oktober 1943 verhaftet und stand auf der Liste des 44. Osttransportes nach Auschwitz“, berichtet Kain. Durch seinen unermüdlichen Einsatz schaffte es Weidt jedoch, die geplante Deportation um zumindest einen Monat zu verschieben. „Dies geht auch eindeutig aus der im Archiv des ITS vorhandenen Transportliste nach Auschwitz hervor, wo der Name Alice Licht gestrichen wurde“, so der Berliner.

Wenige Wochen später wurde Licht dann nach Theresienstadt deportiert, von dort aus ging es nach Auschwitz und Groß Rosen. Kurz vor der Befreiung flüchtete sie nach Berlin, wo sie von Weidt bis Kriegsende versteckt wurde. „Ich gehe den Lebenswegen Stück für Stück nach“, erklärt er seine Arbeit beim ITS. „Am Beispiel Alice Licht weiß ich nun durch die Recherchen, wann sie genau in die USA ausgewandert ist.“ Sie reiste schließlich am 6. September 1946 an Bord des Schiffes „SS-Marine Marlin“ von Bremen nach New York aus. „Solche Details sind wichtig für meine Arbeit“, sagt Kain.

Ein Gruppenfoto aus dem Jahr 1941 zeigt die Belegschaft der Weidt’schen Werkstatt. Viele Namen der dort dargestellten Angestellten sind unbekannt. „Es blieben Fragen offen, mit denen ich mich weiterhin beschäftige“, so der Berliner. „So sind etwa Weidts Motive für seine Hilfe für verfolgte Juden bisher ungeklärt.“ Auf Initiative von Inge Deutschkron, eine der bekanntesten ehemaligen Angestellten, wurde 1993 eine Gedenktafel Weidt zu Ehren am Haus in der Rosenthaler Straße 39, dem damaligen Fabrikstandort, angebracht. Die ehemaligen Werkstatträume sind heute ein Museum, das von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand betreut wird. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem ehrte Otto Weidt 1971 als „Gerechten unter den Völkern“.