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Studie zu Emigrationen nach Australien

Ruth Balint hat zwei Wochen im Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen Dokumente aus dem Bestand der Displaced Persons (DP) eingesehen. Ihren Schwerpunkt legte sie dabei auf Emigrationen nach Australien. „Die Unterlagen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit sind unglaublich spannend und von großer Bedeutung“, sagt die Historikerin und Pädagogin der University of New South Wales in Sydney.

Was passierte in den Lagern? Welche Kriterien mussten die Emigrationskandidaten erfüllen, damit die Ausreise ins Land ihrer Wahl tatsächlich möglich wurde? In welche Perspektive rückten die Überlebenden ihren Schicksalsweg? Diese Fragen stellte die Historikerin dem Archiv während ihrer Recherche. „Ich habe stichprobenartig Namen von Emigranten gewählt und mir ihre CM/1 Akten angesehen“, erklärt Balint. CM/1 beschreibt den Antrag von Displaced Persons (DPs) auf Unterstützung durch die International Refugee Organization (IRO) zwischen 1947 und 1951 und war Grundlage zur Genehmigung der Ausreise in ein anderes Land.

„Die Anträge spiegeln die Art Kriterien wider, auf die sich die für die Auswahl der Einwanderer zuständigen Offiziere verließen. Es ist interessant nachzuvollziehen, wie diejenigen, die ein Anrecht auf IRO-Unterstützung erwerben wollten, ihre Kriegszeitvergangenheit schilderten.“ Balint zitiert hier stellvertretend für viele andere das Beispiel eines Mannes, der erst im zweiten Anlauf die Ausreisegenehmigung bekam. „Sein erster Antrag galt als ungenau, daher wurde er abgelehnt. Erst als er Einspruch einlegte und seine früheren Aktivitäten während des Krieges detaillierter und differenzierter beschrieb, bekam er die Erlaubnis“, berichtet Balint. Besonders gute Voraussetzungen für ein Anrecht auf Unterstützung und Auswanderung hatten ehemalige Zwangsarbeiter aus Osteuropa, die aus politischen Gründen nicht in die Heimat repatriiert werden wollten.

Dabei belegte Australien als favorisiertes Zielland hinter den USA, Kanada und Argentinien oft nur den vierten Platz. „Die australische Regierung hat eine Werbestrategie gestartet“, sagt die Historikerin. „Jung und gesund sollten die Einwanderer sein. Ihre Arbeitskraft sollte helfen, das Land aufzubauen.“ Bis 1951 sind circa 180.000 DPs per Schiff nach Australien ausgewandert. Ihre ursprüngliche Heimat lag oft in den Baltischen Staaten.