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Suche nach dem Autor von Buchenwald-Erinnerungen

Nicht die Suche nach einem Verwandten, sondern drei Schulhefte aus dem Nachlass einer Großtante führten den Schweizer Heinz Bachmann zum Internationalen Suchdienst (ITS) nach Bad Arolsen. In ihnen hatte Marton Stark, Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, Ende 1945 seine Erlebnisse niedergeschrieben. „Ich war tief berührt von der Lektüre der Hefte“, so Bachmann. Der 55-Jährige beschließt sofort, dass er den Autor dieser Zeilen kennen lernen und seine Erinnerungen veröffentlichen möchte.

Den Kontakt kann der Internationale Suchdienst herstellen. Aus einem Antrag Starks aus den 50er Jahren auf Entschädigungsleistungen geht eine Adresse in Kalifornien hervor. Der ITS schaltet das Amerikanische Rote Kreuz ein und so erfährt der heute 80-Jährige vom Fund seiner Erinnerungen. Im Februar 2009 treffen sich Bachmann und Stark erstmals in Kalifornien. „Ein eindrückliches, spannendes Erlebnis. Wir haben uns begrüßt wie zwei alte Bekannte“, so Bachmann. Stundenlang erzählt Stark von den brutalen Erlebnissen der Verfolgung, was ihm - wie er einräumt - „einige schlaflose Nächte bereitet“.

Lebhaft kann sich der Kalifornier noch an die Großtante erinnern. Elise Welti, die damals für das Rote Kreuz tätig war, hatte drei jüdische Jugendliche betreut. Sie wurden nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager Buchenwald für eine Zeitlang zur Erholung in die Schweiz gelassen. Stark litt an Fleckfieber. „Die Besuche meiner Tante und die Ausflüge ins Kaffee – sie waren die ersten Anzeichen einer Rückkehr ins Leben, einer menschlichen Zuwendung nach dem Grauen“, gibt Bachmann die Empfindungen des Holocaust-Überlebenden wieder.

Die Tante ist es auch, die den 16-Jährigen auffordert zur Niederschrift seiner Erlebnisse. Starks Kindheit hatte ein jähes Ende gefunden, als er 1943 mit seinen Eltern und seinem Bruder ins Ghetto gesperrt wurde. Ein Jahr später verschleppten die Nationalsozialisten die Familie ins Konzentrationslager Auschwitz, das nur Marton überlebte. Seine letzte Station war das KZ Buchenwald. Da Stark Rumäne war und in den Lagern nur wenig Deutsch aufgeschnappt hatte, sei seine Sprache „eindringlich, nahezu holzschnittartig“, berichtet Bachmann. „Das macht die Kraft der Texte aus. Die Notizen enthalten keine mildernde Umschreibung. Sie schildern die brutale Realität des Lagerlebens.“

1951 konnte Stark über Deutschland in die USA auswandern. Im Archiv des Suchdienstes findet sich neben Originaldokumenten aus Buchenwald noch die Schiffsliste der „General Sturgis“, die ihn am 29. Dezember 1951 in die neue Heimat brachte. Der Holocaust-Überlebende arbeitet im Schmuck-Handwerk und gründet eine Familie. „Es gab Phasen, in denen ich zufrieden war mit meinem Leben. Glücklich konnte ich nie wieder sein“, erzählte der Überlebende Bachmann bei dessen ersten Treffen. Jetzt wollen die beiden Männer gemeinsam ein Buch veröffentlichen. Die Notizen aus den Schulheften werden darin einen zentralen Platz finden.

Geht es nach Bachmann, soll das Buch aber auch ein Appell an die Menschlichkeit sein. „Ich werde es vor allem meinen Kindern widmen“, so der Schweizer Hochschuldozent. „Sie sollen sehen, dass wir einen Unterschied machen können für den einzelnen Menschen – so wie meine Tante damals für die drei Jugendlichen.“