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Szenische Lesung zum Schicksal von Hans Litten

Lesung vor rund 30 Gästen in den Räumen der vhs Kassel.

Vor rund 30 Gästen erinnerte die renommierte Theater- und Filmschauspielerin Patricia Litten in einer szenischen Lesung an ihren von den Nazis in den Selbstmord getriebenen Onkel Hans Litten. Sie las aus dem von ihrer Großmutter Ingeborg „Mimi“ Litten verfassten Buch „A mother fights Hitler“. Die Veranstaltung wurde vom International Tracing Service (ITS) in Kooperation mit der vhs Kassel, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, dem Evangelischen Forum, der Gedenkstätte Breitenau und dem Verein Gegen Vergessen - Für Demokratie organisiert.

Hans Litten stammte aus einer gemischt christlich-jüdischen Familie. Er war ein engagierter Strafverteidiger in der Weimarer Republik. Vor dem Berliner Kriminalgericht in Moabit berief der junge Rechtsanwalt Litten Adolf Hitler in den Zeugenstand, um die offene Gewaltbereitschaft von SA und NSDAP zu entlarven und zu verdeutlichen. Er verteidigte in zahlreichen Prozessen straffällige Jugendliche und kommunistische Arbeiter. Bereits in der Nacht des Reichstagsbrandes Ende Februar 1933 wurde er verhaftet. Seine Unbeugsamkeit und Prinzipientreue wurden ihm zum Verhängnis, jahrelange Haft in Gefängnissen und Konzentrationslagern waren die Folgen.

Seine Mutter begann um die Freilassung oder zumindest für erleichterte Haftbedingungen ihres Sohnes zu kämpfen, unbeugsam auch sie. Später beschrieb sie diese Zeit ebenso wie die Gräueltaten des NS-Regimes, gab die zahlreichen Besuche bei ihrem Sohn wieder, reflektierte ihre Gefühle und die unzähligen Hilfeversuche.

Die in der Schweiz geborene Schauspielerin hat authentisch und emotional Passagen aus diesem berührenden, wütenden und ergreifenden Text vorgetragen. Dabei gelang es ihr, die Gefühle ihrer Großmutter und das Leiden ihres Onkels den Zuschauern näher zu bringen. Die Folterungen in den verschiedenen Lagern, die Besuche unter den Augen der Nazis, die Codewörter in ihren Gesprächen, die Selbstmordversuche von Hans, die unzähligen Versuche der Rettung bis hin zum Selbstmord des jungen Anwalts gaben den Gästen einen Einblick in die fünfjährige Verfolgung.

Zart und zugleich kraftvoll begleitet wurde die Lesung durch den vielfach ausgezeichneten Musiker Michael Tröster, der mit seiner Gitarre musikalisch den Spuren von Hans Litten folgte.

„Geschichte ist nicht vergangen, sondern durch solche Zeugnisse wie das Buch Ingeborg Littens präsent“, so Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung und Bildung beim ITS. „Sie geben uns einen Einblick in die verschiedenen Schicksale und lassen uns, so nahe, wie es überhaupt geht, an das Geschehen heranrücken. Wer diese Texte gelesen und dann noch gehört hat, wird sich immer erinnern, was damals passierte, was Menschen anzutun imstande sind.“

Bei einem Besuch im ITS am Tag nach der Veranstaltung konnte Litten die Massivität der Archive sehen und betrachtete auch die Originaldokumente zu ihrem Onkel, darunter die Häftlingspersonal- und Effektenkarten, die Sterbeurkunde sowie verschiedenste Listen zu Transporten zwischen den einzelnen KZs und Gefängnissen. Einem Schriftwechsel zwischen dem Deutschen Roten Kreuz, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz sowie der Gestapo Berlin aus dem Jahr 1938 kann entnommen werden: „…dass der Gesundheitszustand des Herrn Litten vollkommen zufriedenstellend ist. Die durch den Arbeitsunfall erlittenen Verletzungen seien abgeheilt“.