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Tausend Kilometer für den Ring der Mutter

Seine Mutter überlebte die Zwangsarbeit und Konzentrationslager der Nazis und wanderte nach Schweden aus. Ihre Erlebnisse behielt sie für sich. Ihr Sohn forscht nun nach der Vergangenheit und hat in Deutschland beim International Tracing Service (ITS) einen goldenen Ring seiner Mutter gefunden.

Jan Anderson war ergriffen, als eine Mitarbeiterin des International Tracing Service (ITS) ihm im Mai 2016 einen Ring aushändigte, den seine Mutter 1944 bei ihrer Inhaftierung durch die Nationalsozialisten das letzte Mal getragen hatte. „Er enthält eine Inschrift. Es könnte ein Freundschafts- oder Verlobungsring sein", bemerkte er, als er den Ring betrachtete.

Reise in die Vergangenheit

Zusammen mit seiner Frau unternahm der Schwede Jan Anderson eine Reise auf den Spuren seiner Mutter. Die erste Station war der ITS in Bad Arolsen. Bei seiner Anfrage zum Verfolgungsweg der Mutter hatte sich herausgestellt, dass der ITS neben Dokumenten mit Informationen über ihr Schicksal in seinem Archiv auch einen Ring von ihr bewahrt, der sich unter den rund 3.200 Effekten (persönlichen Gegenständen) von KZ-Inhaftierten befindet. Dem 62-Jährigen war es ein wichtiges Anliegen, zum ITS zu kommen, die Dokumente über das Schicksal seiner Mutter einzusehen und den Ring persönlich entgegenzunehmen: „Das ist ein großer Tag für mich.“

Seine Mutter Eugenia Genowefa Mazuchowska stammte aus Polen und war im Alter von 15 Jahren von den Nationalsozialisten als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt worden. Weshalb sie 1944 von der Gestapo in Celle verhaftet wurde, geht aus den Dokumenten nicht hervor. Nach einer kurzen Haftzeit im Landgerichtsgefängnis Lüneburg wurde die 19-Jährige am 1. Juni 1944 zunächst in das Konzentrationslager Ravensbrück und drei Monate später von dort in das Konzentrationslager Neuengamme deportiert. Als Haftgrund ist „Schutzhaft“ vermerkt. Auf der Grundlage der „Reichstagsbrandverordnung" von 1933 wurde die „Schutzhaft“ zum Instrument der Nationalsozialisten, um Menschen ohne richterliche Kontrolle und Verurteilung verhaften und inhaftieren zu können. Als Eugenia Genowefa Mazuchowska in das Konzentrationslager Neuengamme eingeliefert wurde, musste sie ihren Ring abgeben.

Rettende Busse aus Schweden

Jan Andersons Mutter überlebte die Zeit im Konzentrationslager: Sie gehörte zu den etwa 20.000 Menschen, die ab März 1945 über die „Aktion Weiße Busse" des Schwedischen Roten Kreuzes aus deutschen Konzentrationslagern gerettet wurden und fand in Schweden eine neue Heimat. Nun gelangte nach 72 Jahren ihr Ring zurück in den Familienbesitz – als Erinnerung an das Unrecht, das sie erleben musste, aber über das sie kaum sprach. „Sie hat alles für sich behalten“, erzählte ihr Sohn bei seinem Besuch. „Wenn sie Deutsch im Fernsehen hörte, ging sie sofort aus dem Raum.“

Jan Anderson möchte das Schicksal seiner Mutter für seine Kinder und Enkel dokumentieren und die Erinnerung an sie und ihre Familie in Polen wachhalten. Deshalb forscht er weiter und fuhr nach seinem Besuch beim ITS nach Polen, um dort die Schwester seiner Mutter zu treffen. Er freute sich darauf, ihr diesen ganz besonderen Ring zu zeigen.

Wo können Familien nach Effekten ehemals NS-Verfolgter suchen?

Im Oktober 2015 hat der ITS Fotos sämtlicher in seinem Archiv bewahrten Effekten in einem weltweit zugänglichen Internet-Portal veröffentlicht. Seitdem konnten bereits zwölf persönliche Gegenstände zurückgegeben werden. Jan Anderson ist der erste Angehörige, der aus Schweden zum ITS reiste, um Effekten nach Hause zu holen.

Das Online-Archiv finden Sie unter: digitalcollections.its-arolsen.org