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„Über Nacht nahmen uns die Nazis unsere Identität und unsere Familien.“

„Das schlimmste war nicht, dass meine Eltern und mein Bruder vergast wurden. Nein, das schlimmste war, dass man uns unsere menschliche Würde geraubt hat.“ Ghizela Kardos hat den Holocaust überlebt. Jetzt kam die 86-Jährige nach vielen Jahrzehnten erstmals zum Internationalen Suchdienst (ITS) nach Bad Arolsen, um sich die Dokumente und die Spuren der Verfolgung im Archiv anzusehen.

Ghizela Kardos geborene Tessler wurde am 18. März 1924 in Sapinta/Rumänien geboren. Ihre jüdischen Eltern erzogen sie und ihre fünf Geschwister sehr religiös auf. „Der liebe Gott sieht alles“, sagte meine Mutter immer. „Daher dürft ihr nicht lügen. Doch seit Auschwitz hab ich diesen Glauben verloren.“ Als am 19. März 1944 deutsche Truppen Ungarn besetzten, änderte sich das Leben der Tesslers schlagartig. Die antijüdischen Gesetze, die in anderen von den Deutschen besetzten Gebieten schon lange umgesetzt wurden, galten nun auch für die ungarischen Juden. Sie wurden entrechtet und in Ghettos gepfercht. So auch die Tesslers.

Das Ghetto in Großwardein wurde Ende Mai 1944 evakuiert. Ghizela und ihre Familie wurden in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. „Nach vier Tagen zusammengedrängt in den Waggons kamen wir an“, erinnert sich Ghizela. „Josef Mengele selektierte Frauen, Männer und Kinder – er selektierte meine Familie.“ Ghizela sah ihre Mutter, ihren Vater, ihren kleinen Bruder sowie die jüngste Schwester nicht wieder. „Mein Vater stand zunächst auf der Seite der arbeitsfähigen Häftlinge. Doch dann erblickte er einen kleinen Jungen, den er aus der Heimat kannte. Er wollte ihn nicht alleine lassen.“

Mit den jüngeren Schwestern Lili und Sophia war Ghizela für zwei Tage in Auschwitz. „Nach der Selektion wurden uns die Köpfe kahl geschoren. Wir mussten unter die Duschen und bekamen graue Häftlingskleider an. Dann wurden wir registriert“, erzählt die 86-Jährige. „Über Nacht nahmen uns die Nazis unsere Identität und unsere Familien.“ Am nächsten Tag wurden die jungen Frauen namentlich aufgerufen. Sie waren für ein Arbeitskommando der Wehrmacht selektiert worden. Im litauischen Kretinga, mussten die Frauen Kleidung von den Soldaten flicken und reinigen. „Das Wachpersonal war nicht so streng wie die SS“, sagt Ghizela. „Wir durften gegen die Kälte Soldatenkleidung überziehen. Aber sobald die SS zur Kontrolle kam, mussten wir wieder in unseren Häftlingskleidern arbeiten.“

Ab Mitte 1944 fingen die Nazis an, die Häftlinge gen Westen zu evakuieren, weg von der Front. Ghizela und ihre Schwestern kamen Anfang August 1944 ins KZ Stutthof unter den Nummern 55028, 55029 und 55030. Gegen Ende 1944 nahmen die Häftlingszahlen dort sprunghaft zu, Transporte mit 20.000 bis 30.000 ungarischer Jüdinnen kamen an. Immer mehr wurden über die Ostsee aus Lagern evakuiert, weil die Rote Armee näher rückte. „Die Baracken waren klein und überfüllt. Wir hausten mit 800 Frauen in einer Baracke, eigentlich war nur Platz für 100“, so Ghizela.

Am 25. Januar 1945 ordnete der Lagerkommandant die Evakuierung des Lagers an. „Wir hatten Glück und waren bei den letzten Truppen, die auf den Todesmarsch geschickt wurden“, so die Jüdin. Im Februar 1945 trieben die Nazis die abgemagerten und kraftlosen Häftlinge durch den tiefen Schnee in Richtung Lebork, Lauenburg/Pommern. „Ich hatte hohes Fieber“, erinnert sich Ghizela. „Aber ich war die Älteste von uns Geschwistern und meine Aufgabe war es, für sie da zu sein. Doch dann verließen auch mich meine Kräfte.“ Ihre Schwester Lili hatte eine besondere Stellung bei der SS-Aufseherin, die den Marsch bewachte. Sie fragte nach Wasser für ihre Schwester. „Wir waren alle so abgestumpft, wir hatten keine Angst mehr vor Drohungen und dem Tod“, erklärt Ghizela den Mut ihrer Schwester.

Am 13. März 1945 wurden Ghizela, Lili und Sophia auf dem Marsch nach Lauenburg befreit. „Mein zweiter Geburtstag“, sagt Ghizela lächelnd. „Und gleichzeitig mein Glückstag, denn mein erstes Enkelkind wurde auch am 13. März geboren.“ Die jungen Frauen kehrten in ihre Heimat zurück und versuchten sich ein neues Leben aufzubauen. Ghizela heiratete im Frühjahr 1947 Stefan Kardos, der während des NS-Regimes als Zwangsarbeiter verschleppt wurde. Am 28. April 1947 wurde ihre Tochter Eva geboren. „Ich kann ihr keine Familie hinterlassen“, sagt Ghizela. „Ich habe fast alle meine Angehörigen während des NS-Regimes verloren.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Rumänien unter sowjetischen Einfluss. „Auf die nationalsozialistische Verfolgung folgte nun die kommunistische Diktatur für meine Eltern“, berichtet Eva. 19 Jahre warteten Ghizela und Stefan auf die Genehmigung in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen zu dürfen. 1965 konnten sie schließlich nach Frankfurt ziehen. „Ich habe meine Eltern immer als sehr verschlossen erlebt“, sagt die 63-Jährige. „Ich konnte ihre Ängste spüren. Nun möchte ich Details über meine Familie erfahren.“