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Verloren geglaubte Bücher

Jenny Teich war meine Großmutter, die Mutter meiner Mutter, die in Treblinka ums Leben kam. Ich war fünf, als wir aus Berlin flohen, aber ich kann mich an eine liebenswürdige alte Dame erinnern, die uns an den jüdischen Feiertagen, wenn die Familie zusammenkam, Schokolade schenkte, wenn wir sie auf die samtweichen Wangen küssten. 

Sie war verwitwet und lebte bei der ältesten ihrer vier Töchter. Meine Mutter war die erste, die die Stadt im Jahr 1938 verließ, doch Jenny fühlte sich immer noch sicher in Berlin. Wer sollte schon einer alten Frau etwas zuleide tun?

Bis Anfang 1942 kam regelmäßig Post von ihr, doch dann – nichts mehr. Heute wissen wir, dass sie nach Theresienstadt gebracht und kurz danach mit einem Transport von alten und kranken Menschen nach Treblinka deportiert wurde. Aus den Unterlagen geht hervor, dass manche sogar auf Bahren zum Zug getragen werden mussten. Ich weiß nicht genau, warum ich gerade dieses Detail so entsetzlich finde. Zwei ihrer Töchter und deren Familien sind ebenfalls ums Leben gekommen.

Mehr als siebzig Jahre später sind da immer noch vier Enkelkinder, die sich persönlich an sie erinnern können. Ich bin mit 81 Jahren die jüngste von ihnen. Bald wird nur noch ihr Name bleiben, zum Gedenken eingemeißelt auf dem Grabstein ihrer Tochter.

Doch jetzt gibt es ein neues Kapitel in ihrer Geschichte. Im Jahr 2014 schrieb ich an den International Tracing Service auf der Suche nach Informationen über die Familie Lifschutz aus Rszeszow, die Geschwister meines Vaters, die alle ums Leben gekommen waren. Erst nachträglich fügte ich dem Brief auch noch den Namen Jenny Teich hinzu.

Die Antwort enthielt leider keine neuen Informationen, doch im letzten Absatz hieß es, dass drei Jahre zuvor jemand um Informationen über Jenny gebeten hatte, eine Person, die nach eigenen Angaben im Besitz von Gebetbüchern war, in denen ihr Name stand! Sonst nichts. Ich fragte sofort nach, ob ich mit dieser Person in Kontakt treten könnte. Sie sagten, sie müssten erst um Erlaubnis fragen, doch innerhalb von 24 Stunden gaben sie mir bereits eine E-Mail-Adresse. Diese enthielt keinen Hinweis auf das Land.

An wen schrieb ich da also und welche Sprache sollte ich verwenden? Ich ging davon aus, dass die Bücher wohl in Deutschland gefunden wurden. Deshalb entschied ich mich dafür, in meinem kindlichen Deutsch zu schreiben. Ich erklärte, dass ich in Australien lebe, die Enkelin von Jenny bin, dass wir unsere eigene Tochter nach ihr benannt haben und dass es uns sehr viel bedeuten würde, wenn meine strenggläubige Tochter, die mittlerweile in Israel lebt, diese Bücher bekommen könnte. Ich fragte, ob ich sie kaufen könnte.

Die Antwort war sehr herzlich. Sie kam aus Sao Paulo, Brasilien, in englischer Sprache. Wie kam das zustande? Ilona Strimber war das Kind von Überlebenden des Holocaust. Ihre Eltern hatten den Krieg in Berlin überlebt, mit falschen Papieren und der Hilfe einiger Nichtjuden. In den 50er Jahren wanderten sie nach Südamerika aus. Nach dem Tod ihrer Mutter drei Jahre zuvor fand Ilona die Bücher in ihrem Nachlass. Der Name darin sagte ihr nichts. Deshalb schrieb sie an den ITS, um nähere Informationen zu bekommen.

Wie kamen diese Bücher in den Besitz ihrer Mutter? Beteten die junge Frau und meine Großmutter in derselben Synagoge? Kannten sie einander? Es war wohl eher so, dass die jüdische Gemeinde in Berlin Gebetbücher, die nach dem Krieg geborgen wurden, an überlebende Juden weitergaben. Aber wo wurden Jennys Gebetbücher geborgen? Ich fand keine Antwort darauf.

Ilona erklärte mir dann, dass sich die Bücher nicht mehr in ihrem Besitz befanden. Nachdem sie erfahren hatte, dass Jenny in Treblinka ermordet wurde, schickte sie diese 2011 nach Berlin zurück. Sie wurden dem Centrum Judaicum übergeben.

Das schien also das Ende der Geschichte zu sein. Doch meine Familie drängte mich, die Sache weiterzuverfolgen. Vielleicht waren die Bücher noch in Berlin. Also schickte ich wieder eine Nachricht, bot an, jemanden dafür zu bezahlen, in den Lagerräumen danach zu suchen, und eine Woche später waren die Bücher gefunden! (…)

Jenny Teich starb vor über 70 Jahren als eine von sechs Millionen Juden. Heute stehe ich in Verbindung mit einer Familie in Brasilien, mit der ich eine gemeinsame Geschichte teile, eine gemeinsame Kultur und damit ein tiefes gegenseitiges Verständnis. (…). Zwei namhafte Institutionen nahmen die Mühe auf sich, bei einer kleinen Anfrage zu helfen. Nun sind diese Bücher wieder bei Jenny gelandet, der Urenkelin der ursprünglichen Besitzerin. So stellen sie ein Bindeglied zwischen Menschen her, über alle Grenzen und Generationen hinweg.

Dank der Entdeckung einiger überraschender Informationen konnte das Vermächtnis meiner Großmutter am Leben erhalten werden.
Von Susie Ehrmann