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Vom Verlust der Identität

Eine Reportage im US-Fernsehsender CBS hat die kanadische Autorin Deborah Schnitzer zu einem Besuch des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen veranlasst. Sie wollte sich vor Ort informieren, wie das Archiv arbeitet und Einblick nehmen in die Dokumente zur Familie ihres Mannes. „Mich interessiert die Frage, wie sich die Einrichtung nach der Öffnung für die Forschung verändert hat und wie die Dokumentation aufgebaut ist“, sagte Schnitzer. „Die Art der Unterlagen wird etwas darüber aussagen, wie Identitäten geraubt und zerstört wurden.“

Als Autorin, die zum Werk “Children of the Shoah: Holocaust Literature and Education“ beigetragen hat, sowie Dozentin an der Universität Winnipeg setzt sich Schnitzer seit Jahren mit der Vermittlung des Holocaust an die jüngere Generation auseinander. „Wir können den Jugendlichen nicht nur die Fakten aufzählen, sondern müssen ihnen auch den Hintergrund erläutern“, so Schnitzer. „Der Unterricht in der Schule ist häufig die erste Berührung mit diesem schweren Thema. Daher spielen die Wege der Vermittlung, etwa über die Kunst und andere innovative Techniken, eine wichtige Rolle.“ Auch die Dokumente seien als unwiderlegbare Zeugnisse des Geschehens für die Bildungsarbeit unerlässlich, äußerte Schnitzer. „Was bedeutet der einzelne Name auf einer Transportliste? Welche Geschichte steckt dahinter? Und worin liegt die Verknüpfung des Themas mit der Debatte um die Menschenrechte heute?“

In ihrer eigenen Familie habe sie das Schweigen über die schrecklichen Erlebnisse des Holocaust immer als Belastung empfunden, so Schnitzer. „Es stehen in der Regel nur Fragmente an Wissen und bruchstückhafte Erinnerungen im Raum. Zu schmerzhaft ist der Rückblick. Daher ist es wichtig, nachzufragen und die Dokumente einzusehen.“ Ihr Mann ist der einzige männliche Nachfahre einer jüdischen Familie aus Polen, die die Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet hatte. Nur sein Vater überlebte und wanderte nach Kanada aus. „Jede Generation muss ihren eigenen Weg finden, mit der Vergangenheit und der Erinnerung umzugehen“, ist sich die Autorin sicher.

Vor allem der Aspekt der eigenen Identität ist für Schnitzer eine entscheidende Frage beim Umgang mit den Dokumenten aus der NS-Zeit, wurden die Opfer doch ihrer Heimat, ihres Zuhause, ihrer Namen und am Ende häufig auch ihres Lebens beraubt. „Wie sind etwa die Erlebnisse und Träume eines Kindes übermittelt, das im Konzentrationslager um sein Leben kämpfte? Was verraten uns die Dokumente und welche Sprache benutzen sie?“, diesen Fragen will Schnitzer anhand der Unterlagen im Archiv des ITS nachgehen. Zugleich will sie die Dokumente zur Familie ihres Mannes mit einfließen lassen in ihren jüngsten Roman.

Auf den Spuren der von den Nationalsozialisten ermordeten europäischen Juden hat die Autorin gemeinsam mit ihrer Freundin Susan Woods und ihrer Cousine Barbara Kessler neben Bad Arolsen auch München, die Gedenkstätte Dachau, Nürnberg, Berlin und Prag in Tschechien besucht. „Ich war das erste Mal in Deutschland. Eine bemerkenswerte Erfahrung“, so Schnitzer.