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Von Kiew nach Bad Arolsen

1725 Kilometer - den gesamten Weg von Kiew in der Ukraine nach Bad Arolsen in Deutschland ist die Familie Martens diese Woche gereist. Wadim, Sergej und Valentina hatten nur einen Grund. Sie wollten danke sagen. Der Internationale Suchdienst (ITS) hatte die Familie mit Verwandten in Australien wieder vereint. „Ein Brief oder eine Postkarte wären nicht genug gewesen“, sagte Sergej Martens. „Diese Reise mussten wir einfach für unser Herz und unsere Seele machen.“

Nur ein Foto und eine Postkarte vom 28. Mai 1944 waren Wadim Martens von seinem Bruder Willi geblieben. Und die vage Erinnerung eines damals siebenjährigen Kindes an einen Ort bei Gera, das Weihnachtsfest, einen Kinobesuch und deutsche Kinderlieder. Mit dem Rückzug der deutschen Wehrmacht aus der Ukraine war die gesamte Familie Martens 1943 nach Deutschland gegangen. Der Familie blieb kaum eine Wahl. Im 19. Jahrhundert war der Großvater Karl Martin aus Deutschland in die Ukraine ausgewandert. Für die Nationalsozialisten galten die Martens somit als mögliche „Volksdeutsche“, in den Augen der Roten Armee waren sie Verräter. Ihnen drohte das Arbeitslager in Sibirien.

Der Vater der Familie wurde in Deutschland zur Arbeit unter anderem in den Baulagern des REIMAHG-Flugzeugwerkes in Kahla, Thüringen, verpflichtet. In den Listen der Zwangsarbeiter führten ihn die Nationalsozialisten nun als „Russen“. Der älteste Sohn Willi ging zur Armee. „Melde Dich lieber freiwillig zur Wehrmacht. Dann kannst Du der SS entgehen“, hatte ihm sein Vater geraten. Die Eltern und die übrigen vier Kinder überstanden den Krieg unbeschadet. „Ich kann mich noch erinnern, wie wir bei den Fliegerangriffen immer in den nahegelegenen Wald rannten“, erinnert sich Wadim.

Zunächst kam die US-Armee, doch Anfang Juli 1945 übernahm die Rote Armee das Kommando in Thüringen. In der Sowjetzone konnte die Familie nicht bleiben. Die Martens beschlossen, auf eigene Faust in die vertraute Umgebung der Ukraine zurückzukehren und ihren Aufenthalt in Deutschland zu vertuschen. So ganz gelang es nicht. Ein Onkel wurde erschossen, ein anderer ins Arbeitslager verschleppt. Wadim, seine Geschwister und Eltern hatten Glück. „Den Fußmarsch zurück in die Ukraine werde ich nie vergessen“, sagt der heute 73-Jährige.

Jahrelang zog die Familie ständig um. Niemand durfte erfahren, dass sie in Deutschland gewesen waren. „Wir hatten Angst. Mein Vater ließ uns alle schwören, dass wir niemals darüber reden werden“, erzählt Wadim. Über ein Jahr konnte der inzwischen Neunjährige nicht in die Schule gehen, da ihn Mitschüler gleich als „Deutschen“ beschimpften. „Wir zogen ständig um, sobald jemand Fragen stellte“, erinnert sich Wadim. Erst vor 15 Jahren lüftete er das Familiengeheimnis. Bei einem Waldspaziergang kamen die alten Bilder vom langen Fußmarsch in die Ukraine in ihm hoch. Er erzählte seiner Frau von seinen deutschen Vorfahren und der Zerrissenheit zwischen den Fronten während des Zweiten Weltkrieges.

„Wir hatten immer vermutet, dass mein ältester Bruder im Krieg umgekommen sei“, sagt Wadim. Die vage Hoffnung auf ein Wiedersehen mochten die Ukrainer dennoch nicht aufgeben. Ermuntert durch andere Familienzusammenführungen fragten sie 1998 beim Roten Kreuz in Kiew an. Dieses wandte sich wiederum an den Suchdienst in Bad Arolsen. Die Lösung brachte letztlich ein Antrag auf Entschädigung für ehemalige Zwangsarbeiter, den Willi bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) 2001 in Genf gestellt hatte. Über eine Nachfrage bei der IOM stieß der ITS auf die Adresse der Familie Martens in Australien.

Im September 2007 kam es dann endlich zum lang ersehnten Wiedersehen. Willi selbst erlebte es nicht mehr. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben. „Nichts hätte ihn glücklicher gemacht“, schrieb seine Tochter Masha. Er hinterließ vier Kinder, neun Enkel und zwei Urenkel. Doch Wadim konnte den australischen Zweig der Familie kennenlernen. „Es sind viele Tränen geflossen – der Trauer wie der Freude“, berichtet er. „Wir haben viel aus dem Leben der Anderen erfahren.“

Willi hatte den Krieg ebenfalls überlebt, war in Kriegsgefangenschaft geraten und dann in Lager für Displaced Persons (DP) in Österreich gekommen. Am 24. August 1950 wanderte er mit seiner Frau, die er im DP-Lager kennen gelernt hatte, und seinem inzwischen dreijährigen Kind nach Australien aus. Jahrzehntelang hatte er vergeblich versucht herauszufinden, was aus den übrigen Martens geworden war. Der Kalte Krieg verhinderte jede Verständigung. Selbst als Willis Familie 1995 in die Ukraine flog, fand sie keine Hilfe. „Mein Bruder hatte immer ein Foto von mir und meiner Schwester an der Wand“, weiß Wadim heute.

Sie hätten mit einem Mal eine große Verwandtschaft dazu gewonnen, freut sich auch sein Sohn Sergej. Mit der Reise nach Bad Arolsen habe sich für die Familie jetzt der Kreis geschlossen. „Mit dem Gefühl tiefer Anerkennung und grenzenloser Dankbarkeit verneigen wir unsere Häupter vor ihrer Arbeit“, notiert Sergej ins ITS-Gästebuch. „Ihr Professionalismus und ihr menschlicher Spürsinn verhelfen dazu, dass sich verwandte Seelen wieder vereinen.“