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Vortrag von Professor Mommsen zum Hitler-Attentat

Das Historicum 20 und der Internationale Suchdienst (ITS) haben in Zusammenarbeit mit dem Museum Bad Arolsen und dem Waldeckischen Geschichtsverein den renommierten deutschen Historiker Professor Hans Mommsen für einen Vortrag gewinnen können. Im Mittelpunkt des Referats am 14. August 2008 im Rauch-Museum Bad Arolsen standen „Claus Schenk Graf von Stauffenberg und der deutsche Widerstand".

Der Vortrag im Wortlaut: Die Ankündigung des Stauffenberg-Films mit Tom Cruise in der Hauptrolle hat das Interesse auf Claus Schenk Graf von Stauffenberg gelenkt, der mit Recht als Repräsentant der deutschen Opposition gegen Hitler gilt. Sein 101. Todestag liegt nur wenige Wochen zurück. Hätte sein Attentat auf Hitler Erfolg gehabt, hätten viele Millionen Tote, die der sinnlosen Fortsetzung eines längst verlorenen Krieges geopfert wurden, überlebt und wären weite Teile Ost- und Mitteleuropas von der Zerstörung teils durch die deutsche Strategie der „verbannten Erde“, teils durch die alliierten Flächenbombardements, aber auch durch die Kriegshandlungen selbst verschont geblieben.

Während Hitler die Explosion in der Lagebaracke in der Wolfschance mit leichten Verletzungen überstand, wurde Stauffenberg zusammen mit Friedrich Olbrichs, Albrecht Ritter Merz von Quirnheim und Werner von Haften im Hof des Bendlerblocks von einem eilig zusammengestellten Hinrichtungskommando standrechtlich erschossen. Auch danach ruhte der Diktator nicht, ihr Andenken auszulöschen. Heinrich Himmler ließ die in der Nacht auf dem St. Matthei-Friedhof in Berlin bestatteten Leichen durch ein SS-Kommando ausgraben und verbrennen und ihre Asche über die Felder verstreuen. Eine Gedenktafel im Friedhof erinnert daran. Die Absicht, die Erinnerung an die Verschwörer zu zerstören und ihre Familien auszulöschen, schlug ins Gegenteil um. Heute wird Stauffenberg als der mutige Attentäter und Führer des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 als Repräsentant des „anderen Deutschland“ und Bewahrer der nationalen Ehre gefeiert.

Stauffenberg war der Sprössling eines angesehenen schwäbischen Adelsgeschlechts, leidenschaftlicher Soldat und zugleich ein Verehrer Stefan Georges, dessen Dichtungen das deutsche Verhängnis vorhersagten. Er gehörte zu den begabtesten Generalstabsoffizieren der Deutschen Wehrmacht. Er begrüßte den 30. Januar 1933, rückte aber bald in innere Distanz zum NS-Regime, übte frühzeitig Kritik an Hitler und dessen Führungsstil und war sich seit dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 darüber im klaren, dass Deutschland in eine militärische Niederlage hineintrieb. Sarkastisch äußerte er schon 1939 „Der Narr macht Krieg“, aber er hoffte noch, dass es möglich sein werde, mit der „braunen Pest“ nach dem gewonnenen Krieg aufzuräumen. Noch nach der verlorenen Schlacht vor Moskau hoffte er, dass die Fehlentscheidungen Hitlers bei Anspannung aller Kräfte noch korrigiert werden könnten.

Dazu gehörte aber auch, dass die bisherige Unterdrückung der Ostvölker beendet und Hitlers Vorhaben, nicht nur das sowjetische Herrschaftssystem, sondern auch den russischen Staat zu zerschlagen und einen Rassenvernichtungskrieg zu führen, fallen gelassen wurde. In der Überzeugung, dass der Krieg nicht länger gegen das russische Volk geführt werden dürfe, stimmte Stauffenberg mit Generalmajor Henning von Tresckow, der zunächst als 1. Generalstabsoffizier (Ia) der Heeresgruppe Mitte, dann als Chef der Operationsabteilung tätig war, überein.

Gegen den erklärten Willen des Diktators bauten beide Offiziere eine russische Hilfswilligenarmee mit dem Ziel auf, die Völker der Sowjetunion für einen Befreiungskampf gegen das verhasste bolschewistische System zu gewinnen. Sie verlangten zugleich eine bessere Behandlung der russischen Zivilbevölkerung und der russischen Kriegsgefangenen, die in den Stalags zu Hunderttausenden verhungerten. Insbesondere Stauffenberg wandte sich gegen die Menschenjagden für die Deportation von Zwangsarbeitern. Sie drangen mit ihren Vorstellungen jedoch nicht durch. Erst als die militärische Lage sich extrem verschlechtert hatte, kam es zu Verhandlungen mit dem kriegsgefangenen russischen General Alxeji Wlassow über die Aufstellung einer Freiwilligenarmee, doch kam der Zusammenbruch der Ostfront dem zuvor.

Den Hintergrund für diese Bemühungen bildete die Erkenntnis, dass die nach der Niederlage von Moskau gleich bleibenden Verluste immer weniger ausgeglichen werden konnten, so dass eine militärische Niederlage schon auf Grund des demographischen Faktors unausweichlich war. Daher waren auch die 300 000 russischen Hilfswilligen für das Ostheer, das verglichen mit Juni 1941 nur noch über die Hälfte des ursprünglichen Mannschaftsbestandes verfügte, unentbehrlich.

Stauffenberg hatte den Angriff auf die Sowjetunion für einen Verlegenheitsschritt und unverzeihlichen Fehler Hitlers gehalten und betonte wiederholt, dass der Feldzug auch bei besserer Führung nicht durchgestanden werden konnte. Noch vor Stalingrad plädierte er nachdrücklich dafür, einen Friedensschluss herbeizuführen, solange die militärische und politische Handlungsfähigkeit des Reiches noch gegeben war. Da er im Generalstab nicht zuletzt für die Bereitstellung von „Ersatz“ angesichts der eskalierenden Verluste der Wehrmacht, die mehr als 100 000 Mann im Monat umfassten, zuständig war, bedrückte ihn die Last der Mitverantwortung dafür, täglich viele Tausende in den Tod zu schicken, ohne dass eine Perspektive zur Beendigung der Kampfhandlungen sichtbar war.

Durch die Berufung in den Generalstab des Heeres gelangte Stauffenberg in das militärische Entscheidungszentrum, und er erkannte zunehmend, dass die von Hitler befohlenen Strategien die vorhandenen Kräfte immer mehr überforderten. Die Bestrebungen Henning von Tresckows als Ia der Heeresgruppe Mitte, durch Einwirkung auf die Armeebefehlshaber eine Reform der Spitzengliederung zu erreichen, die Hitler den direkten Einfluss auf die operativen Entscheidungen nehmen sollte, wurde von Stauffenberg voll geteilt, der am 18. Januar 1943 in einer denkwürdigen, aber völlig fehlgehenden Unterredung mit Feldmarschall Erich von Manstein im gleichen Sinn intervenierte. Manstein, der ihn abwies und an die Front schicken wollte, bemerkte abschätzig: „Er hat mir weismachen wollten, der Krieg sei verloren“, während Stauffenberg, von dem das geflügelte Wort von „den Teppichlegern im Generalsrang“ bereits die Runde machte, kommentierte: „Das ist nicht die Antwort eines Generalfeldmarschalls“.

Stauffenberg gab sich keinerlei Illusionen mehr hin, dass eine Reform der Spitzengliederung nicht erreichbar war. Ebenso wie Henning von Tresckow, mit dem er in diesen Monaten Kontakt aufnahm, war er davon überzeugt, dass die einzige realistische Chance, einen totalen militärischen Zusammenbruch abzuwenden, in der Ausschaltung Hitlers im Wege eines Attentats lag. Die verbreitete Vorstellung, Hitler durch gemeinsame Demarchen der Generalität zum Nachgeben zu bringen, hielt er mit Recht für völlig illusorisch, ebenso wie er später entsprechende Vorschläge Carl Friedrich Goerdelers als absurd verwarf.

Auf Grund der Untätigkeit der Generalfeldmarschälle sah Stauffenberg nur noch den Ausweg, den Diktator umzubringen, und äußerte zu einem seiner Mitarbeiter schon im Spätsommer 1942, Hitler sei “der eigentliche Verantwortliche. Eine grundsätzliche Änderung ist nur möglich, wenn er beseitigt wird. Ich bin bereit, es zu tun“. In dieser Überzeugung stimmte Hitler mit Henning von Tresckow überein, der seit dem Frühsommer 1942 ein Netzwerk oppositionell eingestellter Offiziere ins Leben gerufen hatte, das sich dem Ziel verschworen hatte, Hitler im Wege eines Attentat auszuschalten. Diese im Umkreis der Heeresgruppe Mitte entstehende zweite Opposition stand anfänglich nur mit der Widerstandsgruppe um Hans Oster in der Militärischen Abwehr in Verbindung, doch nahm Tresckow schon im Herbst 1941 über Fabian von Schlabrendorff Kontakte zu Beck, dem ehemaligen Generalstabschef, auf, damals noch in der Absicht, die Chancen einer eventuellen Verständigung mit Großbritannien auszuloten. Seit 1943 knüpfte Tresckow, der nun auch Stauffenberg im Generalstab zu seinen Gesinnungsgenossen zählte, enge Verbindungen zu Ludwig Beck, und über ihn zur zivilen Opposition um Goerdeler.

Stauffenberg hatte einen Moment lang gezögert, sich durch die Versetzung an die Front dem auf ihn lastenden Entscheidungsdruck, der ihm als Chef der Operationsabeilung zufiel, zu entziehen, doch blieb er im Zentrum der militärischen Entscheidungen. Als überraschend zum Ia der 10. Panzerdivision in Tunis ernannt wurde, nahm er an den schweren Kämpfen in Nordafrika teil, doch endete die Abordnung schon nach wenigen Wochen am 7. April 1943 mit seiner schweren Verwundung. Die schweren Verletzungen änderten nichts an seiner Entschlossenheit, sich für eine Ausschaltung Hitlers aktiv einzusetzen. Obwohl nur unzureichend wiederhergestellt, trat er als Chef des Stabes beim Allgemeinen Heeresamt im Bendlerblock am 1. Oktober 1943 rasch in den Mittelpunkt des inzwischen von Tresckow und Olbricht unter dem Deckmantel der Operation „Walküre“ vorangetriebenen Putschvorbereitungen.

Die knappe Zeit seiner Genesung hatte Stauffenberg in seiner Überzeugung bestärkt, dass der Krieg ohne weiteren Verzug beendigt werden müsse. In einem Gespräch mit seinem Onkel, Graf Üxküll, erklärte er im Mai 1943: „Nachdem die Generäle bisher nichts erreicht haben, müssen sich nun die Obersten einschalten“, und er teilte Olbricht brieflich mit, in drei Monaten „zur Verfügung“ zu stehen. Schon im August weihten ihn Olbricht und Tersckow in den von ihnen konzipierten Umsturzplan ein, der in der Ausnützung des für den Fall eines Aufstandes unter den acht Millionen im Reichsgebiet lebenden Zwangsarbeiter entwickelten Einsatzplan des Ersatzheeres bestand – dem Unternehmen „Walküre“. Diese geniale Tarnung des Umsturzvorhabens ermöglichte es, Teile des militärischen Apparats in die logistischen Vorarbeiten einzuschalten. Als Tresckow im November an die Front versetzt wurde, lag die Vorbereitung des Umsturzes in erster Linie bei Stauffenberg, der trotz seiner Verletzungsfolgen eine ungewöhnliche Energie und Tatkraft an den Tag legte und zum Kern der Verschwörung wurde.

Stauffenberg begriff die geplante Verschwörung nicht als „Widerstand“ – er vermied es, diesen Ausdruck zu gebrauchen – sondern als „nationale Erhebung“, und dabei stand ihm das Vorbild August Neithard von Gneisenaus, des preußischen Militärreformer, auch vermittelt durch die Ideengänge Stefan Georges, klar vor Augen. Zusammen mit seinem an den Umsturz beteiligten Bruder Berthold erwog er eine umfassende Erneuerung, die „in ganz andere Lebensschichten reichen sollte als die Revolutionen von 1918 und 1933“. Er ging von der Überzeugung aus, es sei notwendig, dass der Krieg, der gerade nicht für eine konstruktive Neuordnung geführt wurde und daher ein „sinnloses Verbrechen“ darstelle, noch zu einem Zeitpunkt beendet wurde, der vor der alliierten Landung in Frankreich lag und zu dem die militärische Handlungsfähigkeit des Reiches noch nicht verloren gegangen war.

Stauffenberg begriff sich in erster Linie als Soldat, und militärische Erwägungen bildeten den Ausgangspunkt seines Handelns. Aber die militärischen Beweggründe, die Stauffenberg veranlassten, sich rückhaltlos für die Verschwörung und schließlich für die Durchführung des Attentats zu entscheiden, verknüpften sich aufs engste mit humanitären Erwägungen. Er übte bittere Kritik an der Gesinnungslosigkeit seiner Offizierskollegen, die im Vertrauen auf den Führer ihren Urlaub und ihre Beförderung genossen, sonst aber über den „Dienst im Gliede“ nicht hinwegkamen. Mit größter Schärfe protestierte er gegen die Versklavung der Ostarbeiter, die beginnende Auslöschung der jüdischen Bevölkerung und die unmenschliche Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen durch die Wehrmacht. Dass die verbrecherische Vernichtungspolitik des NS-Regimes im Osten nicht nur militärisch kontraproduktiv war, sondern auch die Ehre der Nation verletzte, drängte ihn dazu, unverzüglich zu handeln.

Aus seiner militärischen Grundhaltung heraus betonte er die politische und gesellschaftliche Verantwortung des Offiziers, den er als Staatsdiener und nicht als Professionellen betrachtete, und erblickte im Offizierskorps „den wesentlichen Träger des Staates und die eigentliche Verkörperung der Nation“. Diese an der idealistischen Sicht der preußischen Reform entspringende „Militarismus“ stellte das gerade Gegenteil dessen war, was er angesichts des Verfalls der preußischen Militärtradition an Brutalisierung und moralischer Indifferenz täglich erlebte. In Reminiszenz an Gneisenau lehnte Stauffenberg das verbreitete Bild vom Offizier als bloßem Militärtechniker nachdrücklich ab und hob dessen Verpflichtung zu öffentlichem Handeln und Verantwortung nachdrücklich hervor.

Gegenüber dem ihm befreundeten Freiherrn von Thüngen erhob er für die Armee den Anspruch auf Teilhabe an der politischen Führung; wie er umgekehrt das Versagen der Generalität geißelte, die ihm das bittere Wort von den „Teppichlegern“ im Generalsrang entlockte. Demgegenüber begründete er den Anspruch der Militärs, an die Spitze des Umsturzes zu treten und nicht nur deren Handlanger zu sein, offensiv und betonte: „Wir sind auch die Führung des Heeres und auch des Volkes, und wir werden diese Führung in die Hand nehmen“. Dieses mit Willenskraft gepaarte Selbstbewusstsein Stauffenbergs, seiner Brüder und seiner Mitverschwörer stellte einen entscheidenden Faktor dafür das, dass der Umsturzversuch trotz aller innerer und äußerer Widrigkeiten Wirklichkeit wurde.

Stauffenbergs Vorstellung von der Verankerung der Armee in der Bevölkerung erinnerte an die preußische Erhebung, die auch für Julius Leber, mit dem er bald in eine enge Gesinnungsfreundschaft eintrat, historischen Vorbildcharakter besaß und eine Schlüsselphase in der deutschen Geschichte darstellte, im Unterschied zu Goerdeler und dessen engeren Mitstreitern, die auf das Vermächtnis der preußischen Reform zurückgriffen. Stauffenbergs romantisierende Sicht der bewaffneten Macht schlug sich in der Erwägung nieder, dass das Offizierskorps nicht wie im November 1918 versagen und sich die Initiative aus der Hand nehmen lassen dürfe.

Die Wehrmacht, argumentierte Stauffenberg sei schließlich „in unserem Staat die konservativste Einrichtung“, die aber „gleichzeitig im Volk verwurzelt“ sei. Aus dieser Sicht heraus bestand die legitime Aufgabe der Wehrmacht nicht nur darin, die drohende Niederlage abzuwenden, sondern auch den Staat vor dem Zerfall zu bewahren. Daraus folgte die Notwendigkeit, die Rückkehr zu Recht und Ordnung mittels eines vorübergehenden militärischen Ausnahmezustandes sicherzustellen, um die zu erwartenden Gegenkräfte gegen die angestrebte Übergangsregierung zu neutralisieren.

Andererseits lag eine unerkennbare Schwäche der Umsturzplanung darin, dass deren Erfolg in erster Linie davon abhing, dass die militärische Befehlskette und Unterstellungsverhältnisse intakt blieben. Dies war in Paris und in Wien, wo der militärische Ausnahmezustand ohne größere Widerstände durchgesetzt werden konnte, der Fall, nicht jedoch im Reichsgebiet, wo die Wehrkreisbefehlshaber die trotz des gescheiterten Attentats ergehenden Befehle der Zentrale nicht oder nur schleppend befolgten.

Es war kennzeichnend, dass die „politischen Beauftragten“, entgegen den Vorstellungen Helmuth von Moltkes, den Militärbefehlshabern untergeordnet waren und dass gleichsam die Vorschriften des preußischen Ausnahmezustands von 1860 erneut umgesetzt wurden. Es handelte sich soweit um eine Militärrevolution von oben. Es gab auch ansatzweise keine Vorbereitungen, um die Bevölkerung, aber auch die einfachen Soldaten für den Umsturz, der anfänglich der Fiktion einer Ermordung Hitlers durch „frontfremde Parteiführer“ folgen sollte, zu mobilisieren. Die Erörterungen der zivilen Verschwörer, eine überparteiliche Volksbewegung ins Leben zu rufen, fanden bei Stauffenberg und Beck, die in der Endphase auf engste zusammenarbeiteten, keine Resonanz. Unter bestehenden Bedingungen bestand wohl auch keine Möglichkeit, anders als durch den Rekurs auf den militärischen Obrigkeitsstaat zu verfahren, zumal die Verschwörer zunächst noch hofften, die Ostfront aufrechtzuerhalten

Nach dem Scheitern der ersten Attentatspläne Anfang 1943 rückte Stauffenberg immer mehr in das Zentrum der Verschwörung, vor allem auch nach der Verhaftung von Helmuth James von Moltke im Januar 1944. Dies hing auch mit der immer kritischer werdenden militärischen Lage und der damit korrespondierenden Radikalisierung des NS-Regimes nach innen und nach außen zusammen. Sie bewog namentlich die Mitglieder des Kreisauer Kreises, im Gegensatz zu ihrer ursprünglichen Intention, nicht an den konkreten Attentatsvorbereitungen beteiligt zu sein - Moltke hatte in der Unterredung der verschiedenen Verschwörergruppen Anfang 1943 die Zeit für den Umsturz für noch nicht reif gehalten -, mit Stauffenberg Verbindung aufzunehmen und dessen Attentatsvorhaben aktiv zu unterstützen. Adam von Trott, York von Wartenburg, Fritz-Dietlof von der Schulenburg, und nicht zuletzt Julius Leber gehörten nun zum engsten Zirkel der Verschwörer.

Zugleich übernahm Ludwig Beck die Führung des in sich zersplitterten zivilen Verschwörerkreises. Beck hatte sich nach Stalingrad endgültig zur Konsequenz des Tyrannenmordes durchgerungen und stellte sich voll hinter die Umsturzplanung Olbrichts und Tresckows. Über Olbricht knüpfte sich zu Stauffenberg, dem ehemaligen Untergebenen, eine enge persönliche Beziehung und weitgehende Gesinnungsgemeinschaft. In ihrer Auffassung von der politischen Führungsrolle der Wehrmacht stimmten beide Persönlichkeiten, trotz so unterschiedlicher Herkunft, völlig überein, und so konnte Beck zum Hauptverbindungsmann Stauffenbergs zur zivilen Verschwörergruppe werden und den Führungsanspruch des eigenwilligen Goerdeler begrenzen, der seine Aufgabe auch darin erblickte zu verhindern, „dass die Generäle etwas Politisches unternehmen“.

Stauffenberg nutzte die Verzögerung, die infolge des wiederholten Scheiterns des Attentatsvorhabens eintrat, um die Basis der Verschwörung in militärischen Apparat auszuweiten und zugleich die Kontakte zur zivilen Opposition zu intensivieren. Es fehlte anfänglich nicht an Missverständnissen. So rief seine Äußerung gegenüber Hermann Maaß, den Vertrauensmann Wilhelm Leuschners, dass „die geschichtlichen Leistungen des Adels“ nicht über Bord geworfen werden sollten, erhebliches Misstrauen hervor, während die Zusicherung Josef Wirmers, dass „nach keiner Richtung alte Zustände wieder aufgewärmt werden sollten“, bei Stauffenberg deutliche Beruhigung auslöste.

Unzweifelhaft lehnte Stauffenberg die Rückkehr zu Weimarer Verhältnissen“, damit den parteienstaatlichen Parlamentarismus, nachdrücklich ab. Er war stark von korporatistischen Vorstellungen geprägt und näherte sich neokonservativen Ideengängen, wie sie im Kreisauer Kreis vorherrschten. Mit dem Blick auf Gneisenau erwog er, „einen staatstragenden Stand zu schaffen und so stark zu machen, dass er eine weise und feste Führung auszuüben fähig sei“. Es ist offen, wie weit diese paternalistischen Züge, die in den Beratungen des Lautlinger Kreises im Vordergrund standen, später zurücktraten. Mit der Hervorhebung der sozialen Komponente wies sein politisches Weltbild eine gewisse Verwandtschaft mit der Idee des „preußischen Sozialismus“ auf.

Indessen vermieden es Stauffenberg wie Beck, sich direkt in die Pläne der zivilen Oppositionsgruppen einzuschalten. Für beide stand – darin waren sie sich mit dem Sozialdemokraten Julius Leber einig – die Notwendigkeit des Handelns im Vordergrund. Daher vermieden sowohl Beck wie Stauffenberg, die zunehmenden Spannungen mit Carl Friedrich Goerdeler, der als Reichskanzler vorgesehen war, auszutragen. Der Leipziger Ex-Oberbürgermeister sah in den Militärs ein bloßes Vollzugsorgan der bürgerlichen Opposition, was auf einer fragwürdigen Bewertung des Verhältnisses von Politik und Kriegführung beruhte. Goerdelers blauäugige Verkennung des schwindenden außenpolitischen Handlungsspielraums der Verschwörung, zugleich deren Gefährdung durch dessen „geräuschvolles“ Auftreten stießen bei Stauffenberg auf Unverständnis. Er blieb gleichwohl darum bemüht, Goerdeler weiterhin einzubinden, obwohl dieser noch immer das Attentat ablehnte und sich in der Haft zu der Vorstellung verstieg, in dessen Scheitern ein Gottesurteil zu erblicken.

Stauffenberg hatte ursprünglich vor, die Zusammensetzung der Umsturzregierung mit Rücksicht auf den zu erwartenden Einfluss der KPD stärker nach links auszurichten. Die Loyalität Wilhelm Leuschner und auch Julius Leber, den Stauffenberg für die Position des Reichskanzlers anstelle von Goerdeler favorisierte, bewirkten, dass dieser an ihm weiterhin festhielt. Trotzdem fühlte sich Goerdeler politisch isoliert und betrachtete Stauffenberg mit zunehmendem Misstrauen, der seinerseits aus guten Gründen weitere Zusammenkünfte im Blick auf die Gestapoüberwachung vermied. Das führte dazu, dass Goerdelers Vertrauensmann Hans-Bernd Gisevius, der eine führende Stelle in der künftigen Umsturzregierung anstrebte, gegen Stauffenberg intrigierte und ihn bei dem amerikanischen Geschäftsträger in Bern, Allen Welch Dulles, anschwärzte, sich für eine „Ostlösung“ einzusetzen und die Bildung einer „Arbeiter- und Bauernregierung“ anzustreben. Das ging bestenfalls auf Missverständnisse in einer Unterredung mit Stauffenberg zurück.

An derlei später von der DDR-Geschichtswissenschaft aufgebauschten Spekulationen war nur so viel wahr, dass Stauffenberg, der das Auftreten des Nationalkomitees Freies Deutschland als politisches Warnsignal auffasste, der Initiative Julius Lebers und Adolf Reichweins zustimmte, mit der illegalen Reichsleitung der KPD Kontakt aufzunehmen, um sie zu einer Politik des Stillhaltens gegenüber der Umsturzregierung zu bewegen. Auf der gleichen Linie lag der Versuch Helmuth James von Moltkes, Ende 1943 mit Vertretern der US-Diplomatie zusammenzutreffen und um größeres Verständnis der westlichen Alliierten für die angestrebte Linksorientierung des Übergangskabinetts zu werben. Hingegen war Stauffenberg zu keinem Zeitpunkt bereit, ein Arrangement mit der Sowjetunion ernsthaft ins Auge zu fassen und hoffte, die Ostfront bis zum Eintreffen der Westmächte stabilisieren zu können.

Aber die Erwägungen, den Westen doch noch zu einem Entgegenkommen zu bewegen und die im letzten Moment über Madrid aufgenommenen Kontaktversuche, scheiterten auf der ganzen Linie. Die vage Hoffnung auf eine Öffnung der Westfront musste abgeschrieben werden. Im Gegensatz zu dem noch immer in außenpolitischen Illusionen befangenen Goerdeler war sich Stauffenberg über die mangelnden diplomatischen Erfolgsaussichten, von denen auch Adam von Trott immer noch träumte, völlig im klaren, und er war darin durch Otto John bestärkt, der eine ernüchternde Lageanalyse vorlegte. Trotz allem musste der Umsturz um des Ansehens Deutschlands in der Welt gewagt werden. Mit Ludwig Beck stimmte er in der Überzeugung überein, dass das ein Attentat, auch wenn die Erfolgsaussichten äußerst gering waren, „schon aus sittlichen Gründen für die deutsche Zukunft“ unternommen werden musste.

In einer Aufzeichnung, die Stauffenberg am 20. Juli 1944 bei sich trug und die in einer Zusammenfassung durch die Gestapo überliefert ist, wies er darauf hin, „das derzeitige Regime habe kein Recht, das ganze deutsche Volk mit in seinen Untergang hineinzuziehen. Nach einem Regimewechsel sei es das wichtigste Ziel, dass Deutschland noch einen im Spiel der Kräfte einsetzbaren Machtfaktor darstelle.“ Die Denkschrift, die offenbar vor dem 6. Juni 1944, dem Tage der alliierten Landung in Nordfrankreich entstand, zog ein Fazit aus dem Versagen der NS-Führung: „Den Anfang vom Ende der gesamten militärischen Entwicklung bilde der russische Feldzug, der mit dem Befehl zur Tötung aller Kommissare begonnen habe und mit dem Verhungernlassen der Kriegsgefangenen und der Durchführung von Menschenjagden zwecks Gewinnung von Zivilarbeitern fortgesetzt worden sei“.

In anderem Zusammenhang wies Stauffenberg auf die Ermordung der Juden hin und die Gewaltpolitik gegen ethnische Minderheiten. Die als „Memorandum“ überschriebene Aufzeichnung lässt die innere Einheit des militärischen und den humanitären Motivs für sein Handeln klar hervortreten. Eine der Wurzeln dafür bestand in dem Bekenntnis zum „wahren Preußentum“, mit dem der „Begriff der Freiheit“ untrennbar verbunden war, wie er seinen Söhnen auf den Lebensweg mitgab. Die Verantwortung für die ihm untergebenen Soldaten, aber auch sein Gefühl für nationale Ehre, zugleich moralische Empörung gegen die sich häufenden, in der Person Hitler kulminierenden, aber dem System innewohnenden Korruption und Gewaltverherrlichung trieben ihn zum Handeln. Ohne seinen unbeugsamen Tatwillen, seine moralische Energie und die Bereitschaft, sein Leben für Deutschland zu opfern, wäre das Attentat des 20. Juli 1944 nicht erfolgt, und den Nachlebenden bleibt nur, ihn in Ehrfurcht und Stolz in lebendiger Erinnerung zu halten.