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Wiedersehen nach sechs Jahrzehnten

Mehr als 63 Jahre waren die beiden Cousinen Maja Telegina und Katharina Lapuchin voneinander getrennt. Die Nachkriegswirren hatten sie 1945 auseinander gerissen. Doch die Hoffnung auf ein Wiedersehen war geblieben. Jetzt hat der Internationale Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen die Familie zusammenführen können. „Ich kann es immer noch nicht glauben“, freut sich Maja.

Die Werra entschied 1945 über das Schicksal der Cousinen. Auf der einen Seite des Flusses standen die Russen, auf der anderen die Amerikaner. Katharina war mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter beim Bauern in Ermschwerd bei Witzenhausen, Maja mit ihrer Mutter auf dem Gutshof Freudenthal – keine zwei Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Als die Familie sich nach Kriegsende wieder besuchen wollte, war die Wohnung von Anna und Maja eines Tages leer. „Die Russen hatten sie verschleppt“, berichtet Katharina. „Am Boden lag nur noch eine zertretene Brille.“

Es war bereits die zweite Verschleppung, die die Familie erleben musste. Zunächst hatten die Nazis die Wolgadeutschen vom weißrussischen Minsk in verschiedene Lager nach Polen und dann als Landarbeiter nach Deutschland verbracht. Majas jüdischen Vater Lew erschossen die Deutschen 1941 bei ihrem Einmarsch in die Stadt. Großmutter Agnes, ihre beiden Töchter und ihre Enkel wurden im nordhessischen Witzenhausen schließlich Reichsdeutsche.

Ihre Herkunft wurde der Familie dann am Ende des Krieges zum Verhängnis. Die Russen hielten Anna und ihre Tochter Maja zunächst für Landsleute, doch sie fanden ihre deutschen Papiere und verurteilten Anna zu 25 Jahren Lagerhaft wegen Verrats. Nach dem nationalsozialistischen folgte der stalinistische Terror.

Maja kam in ein Kinderheim, in dem sie bis zum 18. Lebensjahr bleiben musste. „Meine Mutter wusste fünf Jahre lang nicht, wo sie mich hingebracht hatten“, erzählt Maja. Für sie begann eine Zeit der Ungewissheit. Sehe ich meine Mutter wieder, bin ich Russin oder Deutsche und habe ich noch Verwandte – diese Fragen ließen sie nicht los. Ihre Erinnerungen an die Kriegszeit waren spärlich, von dem Schicksal ihres Vaters wusste sie nichts. 1982 starb Majas Mutter und hinterließ ihr die Nachricht „Suche Deine Wurzeln in Deutschland“.

Vom Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen erfuhr Maja erstmals 1998. Im Jahr 2006 kam dann der entscheidende Hinweis, als sie auf alten Papieren ihrer Mutter den Ortsnamen Witzenhausen entdeckte. Der Suchdienst fand Dokumente der Familie zur Landarbeit, forschte in der Gemeinde nach und stieß auf Katharina Lapuchin. „Ich habe immer an meine Cousine gedacht, aber die Hoffnung nach sechs Jahrzehnten fast aufgegeben", sagt die Hessin. Jahrelang hatte sie Großmutter Agnes und ihr Mutter ins Auffanglager Friedland begleitet, wo sie immer wieder vergeblich nachfragten.

Dass Katharina heute noch in Deutschland lebt, ist nicht selbstverständlich. Ihre Familie wanderte 1953 nach Kanada aus, doch sie hatte bereits einen Deutschen geheiratet und blieb. Tränenreich war die Begegnung der beiden Cousinen, als sie sich am 21. September 2008 am Flughafen erstmals wieder gegenüberstanden. „Zunächst waren wir uns ganz fremd, es war fast ein Schock“, erzählt Katharina. Doch dann brachen sich die Emotionen bahn und seitdem ist das Taschentuch ein ständiger Begleiter der wiedervereinten Familie.

Beim Suchdienst schauten sich die Cousinen heute die Unterlagen zu ihrer Familie an und ließen sich die Recherche erklären. Immer wieder sagt Maja „Spaciba“, „Danke.“ Ihre Wurzeln hat sie gefunden, und sie hat jetzt eine Familie in Deutschland. Ein Gegenbesuch in Majas Wohnort Archangelsk ist in Planung.