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„Wir gehen als Anwälte des ITS“

Vergangene Woche haben Vertreter von acht jüdischen Organisationen aus den USA für zwei Tage Einblick in die Arbeit des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen genommen, unter ihnen William Daroff (United Jewish Communities), Dan Mariaschin (B’nai B’rith), Marc Stern (American Jewish Congress) und Andi Milens (Jewish Council for Public Affairs). Sie zogen am Ende ihres Besuchs eine kurze Bilanz. „Wir sind als Gruppe nicht leicht zu beeindrucken, schon gar nicht in Fragen des Holocaust“, sagte Stern. „Aber wir sind überrascht und bewegt.“

Die US-Amerikaner hatten sich vertraut gemacht mit dem Dokumentenbestand des ITS und sich über die Entwicklungen seit der Öffnung des Archivs im November 2007 informiert. „Wir waren in den vergangenen Jahren stark involviert in die Diskussion um die Öffnung des Archivs“, sagte Mariaschin. „Jetzt hatten wir zum ersten Mal Gelegenheit, den ITS bei der Arbeit zu erleben.“ Es sei ein überaus informativer Besuch gewesen, bei dem die Gruppe jeden Aspekt der vielfältigen Aufgaben kennen lernen konnte.

„Die jahrelange Kontroverse um den Internationalen Suchdienst ist jetzt einem positiven Gefühl gewichen“, sagte Daroff. Die Öffnung für die Forschung sei vollzogen sowie eine neue Führung von Seiten des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) etabliert worden. Insbesondere die langsame Bearbeitung von Anfragen, seit im Jahr 2000 der Zwangsarbeiterfonds anlief und Tausende Schreiben den ITS erreichten, hatte zu erheblichem Unmut unter den Überlebenden des Holocaust geführt. „Der Rückstau bei den Anfragen ist jedoch inzwischen abgebaut und die Beantwortung der Schreiben beschleunigt worden. In diesem Sinne freuen wir uns auf die weitere Zusammenarbeit mit dem ITS“, so Daroff.

Hilfreich sei die mit Hochdruck vorangetriebene Digitalisierung der Unterlagen, von der sich die Besuchergruppe im Leseraum des ITS überzeugen konnte. „Die eigene Familiengeschichte im digitalen Archiv zu recherchieren, war natürlich besonders aufregend“, berichtete Mariaschin. Stern lobte, dass der „Zugang zu den Dokumenten bei Familienrecherchen effizient und schnell gelingt.“

Zugleich diskutierten die Vertreter der jüdischen Organisationen über die Aufgaben und die Zukunft der Einrichtung. Die Einrichtung beginne sich zu wandeln von einem Suchdienst zu einer Stätte der historischen Forschung, so Stern. „Die Dokumente sind von einem erstaunlichen Umfang und Wert. Deshalb müssen sie für die historischen Fragestellungen erschlossen werden. Die notwendigen Ressourcen vorausgesetzt hat der ITS ein enormes Potenzial.“ Dank der Zugänglichkeit und der Masse der Dokumente könnten Wissenslücken geschlossen werden, ergänzte Milens. „Ich denke, dass dies ein wichtiger Aspekt ist.“

Das Archiv des ITS werde weitere Antworten auf die Fragen zum Holocaust geben, äußerte Mariaschin. „Dennoch müssen wir auch die Archivbestände in den osteuropäischen Ländern noch tiefer ergründen. Gerade hier gibt es die größten Lücken in der Aufarbeitung des Holocaust. In jedem Fall gehen wir als Anwälte für eine erweiterte und bedeutendere Rolle des ITS im Hinblick auf die Forschung und Bildungsarbeit.“

Von der gerade in den USA nicht selten erhobenen Forderung nach einer Veröffentlichung aller Dokumente im Internet distanzierten sich die US-Amerikaner. „Das Material ist komplex und nicht ohne weiteres zu verstehen“, sagte Daroff. „Insofern ist es häufig schwierig zu erkennen, welche Informationen die Dokumente bieten ohne Kenntnis der deutschen Sprache, des historischen Hintergrunds und der Arbeitsabläufe beim Suchdienst. Früher oder später werden die Dokumente natürlich den Weg ins Netz finden, ohne tieferen Einblick sind sie im Moment jedoch nur bedingt hilfreich.“

Es lägen in Bad Arolsen nicht nur Dokumente aus den Konzentrationslagern vor, sondern auch viele medizinische Unterlagen aus der Nachkriegszeit, gab Stern zu bedenken. Zudem drückten die Nationalsozialisten mit ihrer Terminologie, wie etwa „asozial“ oder „homosexuell“, den Betroffenen und ihre Familienangehörigen einen Stempel auf, dem sie im Internet schutzlos ausgeliefert seien. „Bei einer Acht-Wochen-Frist zur Beantwortung von Anfragen ist eine Online-Recherche im Internet zurzeit nicht das vorrangige Thema.“

Lob ernteten von Seiten der Besucher die Mitarbeiter des ITS. „Sie zeigen eine hohe Professionalität und einen besonderen Einsatz. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, da es sicher nicht einfach ist, sich täglich mit diesem Thema auseinanderzusetzen“, erklärte Daroff. „Die Mitarbeiter sind nicht nur beim ITS, weil es der zweitgrößte Arbeitgeber in der Kleinstadt ist, sondern weil sie ein großes Maß an Anteilnahme und Mitgefühl für die Schicksale empfinden.“

Beeindruckt zeigten sich die US-Amerikaner auch vom Engagement kleinerer Initiativen, die in vielen Orten Deutschlands mit dem Erhalt von Synagogen, mit Gedenksteinen und Gedenkbüchern an ihre einstigen jüdischen Bewohner erinnern. „Und dies selbst in Gemeinden, in denen heute keine Juden mehr leben“, so Stern. Die Gruppe hatte die ehemalige Synagoge in Vöhl wie auch das kleine jüdische Museum in Volkmarsen besichtigt. „Mir hat die Offenheit und Hilfsbereitschaft besonders imponiert“, erklärte Milens zum Abschied. „Ich dachte, es gebe nur einmal im Leben die Möglichkeit zu einem solchen Besuch. Doch ich bin froh festzustellen, dass ich jederzeit wiederkommen kann.“