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„Wir hatten keine Eltern oder Großeltern mehr.“

Die Israelin und Holocaust-Überlebende Emmie Arbel hat gestern in Begleitung ihrer Schwägerinnen Alice Hoffmann und Nel van Het Kaar beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen Dokumente zum Schicksal ihrer Familie eingesehen. Sie selbst wurde als Siebenjährige aus dem Konzentrationslager Ravensbrück befreit. „Es ist nicht einfach, die Originaldokumente zu sehen“, sagte Arbel. „Aber es ist nicht das erste Mal, dass ich in solche Unterlagen schaue, und ich habe mit meinen Brüdern viel über die Zeit gesprochen.“

An sich wollte Arbel die genauen Umstände vom Tod ihres Vaters im Archiv des ITS herausfinden. „Aber das ist mir leider nicht gelungen.“ In der Totenliste des Konzentrationslagers Buchenwald steht lediglich der von den Nationalsozialisten häufig vorgeschobene Grund „Herzschwäche“. Die jüdische Familie war am 10. November 1942 in Den Haag verhaftet und nach Westerbork deportiert worden – Eltern, Großeltern und die drei Kinder. Die Großeltern Emma und Gustav Lewin wurden direkt darauf am 16. November 1942 nach Auschwitz transportiert und ermordet. Der Rest der Familie blieb dagegen knapp anderthalb Jahre in Westerbork. „Das war ungewöhnlich lange für ein Durchgangslager und hat den Kindern wohl das Leben gerettet“, vermutet Schwägerin Hoffmann.

Arbels Vater, Jakob Kallus, deportierten die Nationalsozialisten am 1. Februar 1944 nach Buchenwald, wo er im Außenkommando Berga/Elster am 13. Dezember 1944 starb. Sein Verfolgungsweg ist im Archiv des ITS durch zahlreiche Unterlagen belegt. Die Kinder wurden gemeinsam mit der Mutter am 5. Februar 1944 ins KZ Ravensbrück verschleppt. „Ich erinnere mich noch an einzelne Bilder“, sagt Arbel. „Sie sind präsent, aber ich kann nicht genau sagen, wann ich wo war.“ Mit ihrem jüngeren Bruder und ihrer Mutter wird sie am 1. März 1945 ins völlig überfüllte KZ Bergen-Belsen verlegt, in dem es kaum noch etwas zu essen gibt. Arbels Mutter stirbt entkräftet eine Woche vor der Befreiung des Lagers am 17. April 1945.

Den älteren Bruder Otto, der sich später Menachem nannte, brachten die Nationalsozialisten am 3. März 1945 ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Er wird auf dem Evakuierungsmarsch Richtung Lübeck schließlich befreit. „Wir Kinder haben überlebt, aber wir hatten keine Eltern und Großeltern mehr“, erzählt Arbel. Mit ihrem jüngeren Bruder kann sich Emmie 1945 zunächst in Schweden von den Folgen der Haft erholen. „Hier fand uns dann auch mein Bruder Menachem mit Hilfe des Roten Kreuzes“, so Arbel.

Die drei Kinder kehren in die Niederlande zurück. Nach der Gründung des Staates Israel können sie 1949 auswandern. „Wir waren insgesamt 15 Kinder, die in einem Kibbuz unterkamen. An eine psychologische Betreuung dachte damals niemand.“ Den größten Teil ihres Berufslebens arbeitete Arbel später als Sekretärin in einer psychiatrischen Klinik. Ihr Bruder Menachem schrieb seine Erinnerungen an die damalige Verfolgung unter dem Titel ‚Als Junge im KZ Ravensbrück’ auf. Er hält heute zahlreiche Vorträge in Schulen, zu denen Emmie ihn gelegentlich begleitet. „Es sollten viele Menschen von dem Archiv in Bad Arolsen wissen und hierher kommen“, meint die Israelin. „Die Arbeit, die hier geschieht, ist notwendig.“