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Wissenschaftlicher Austausch beim Netzwerktreffen

Ende Juni fand das Treffen des „Netzwerks Displaced-Persons-Forschung“ (www.netzwerkdpforschung.uni-bonn.de) zum ersten Mal beim International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen statt. Rund zehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzen die Möglichkeit, ihre aktuellen Forschungsprojekte im Expertenkreis vorzustellen und zu diskutieren. Neben dem Austausch über Fachthemen war es der Wunsch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, den Aufenthalt beim ITS auch mit Recherchen im Archiv zu verbinden. Das DP-Netzwerk, das auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs ein Forum bietet, existiert seit 2011 und sieht seine Aufgabe darin, unterschiedliche Forschungsansätze, Fragestellungen und Untersuchungsgegenstände über DPs zusammenzuführen und einen regen Diskurs zu initiieren.

DP-Projekte des ITS

Dr. Susanne Urban, Netzwerkmitglied sowie Abteilungsleiterin Forschung und Bildung beim ITS, präsentierte gemeinsam mit René Bienert die aktuellen DP-Projekte des ITS, die großes Interesse fanden: Im Vordergrund stand dabei die Ausstellung »„Wohin sollten wir nach der Befreiung" – Zwischenstationen: Displaced Persons nach 1945«, die am 10. September 2014 in der bildungsstätte anne frank in Frank­furt am Main eröffnet wird sowie die dazu vorbereiteten pädagogischen Arbeitsmaterialien, die mit vier Schwerpunkten das Thema DPs in den Schulunterricht bringen sollen. Susanne Flörke stellte das DP-Camp-Verzeichnis für das Internet vor, das parallel zur Ausstellung online gehen wird.

Projekte und Kooperationen

Weil DP-Forschung noch immer ein Randthema innerhalb der Geschichtswissenschaften ist, nutzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gespräche im Expertenkreis, um Schnittstellen bei den Interessen und aktuellen Projekten zu suchen, sich über Quellen der Forschung auszutauschen und zukünftige Ziele zu definieren. Dazu gehört zum Beispiel die Idee, ein umfassendes Projekt, angedockt an eine Universität, zu initiieren, um die Forschung auch Richtung Osteuropa ausweiten zu können. Breites Interesse fand die Präsentation des freien Journalisten und Historikers Jim G. Tobias, der mit dem „Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts“ (www.nurinst.org) einige interessante und grundlegende Veröffentlichungen über DPs realisieren konnte, darunter ein Internet-Lexikon über jüdische DP-Camps und Communities (www.after-the-shoah.org). Er stellte Ideen zu einem neuen Projekt über jüdische Talmud-Thora-Schulen im Nachkriegsdeutschland vor, die das Ziel verfolgten, in den jüdischen DP-Camps die Gläubigkeit zu fördern. Dr. Susanne Urban zeigte sich von der Arbeit des Instituts beeindruckt und regte eine intensivere Zusammenarbeit mit dem ITS an, die sie sich zum Beispiel in Form von gemeinsamen Veranstaltungen oder Publikationen vorstellen könnte.

Unterschiedliche Blickwinkel und Fragen

Die Präsentationen der Netzwerkteilnehmer zeigten die Komplexität der DP-Forschung, ausgehend von der unterschiedlichen Ausgangssituation in den besetzten Ländern während der NS-Diktatur, der Vielzahl der DP-Gruppen bis hin zur Unterstützung und Hilfe der Alliierten für die DPs. Das aktuelle Forschungsprojekt von Dr. Verena Buser behandelt die Geschichte des Child Search beziehungsweise der Child Tracing Section der UNRRA und IRO und die UNR Children´s Center in der amerikanischen Besatzungszone. Marcus Velke präsentierte sein Promotionsthema zu baltischen DPs, bei dem er als Ausgangspunkt das weitverbreitete Stereotyp in Frage stellt, dass unter den circa 200.000 baltischen DPs überproportional viele Angehörige der Eliten sowie baltische Kollaborateure zu finden seien. Melanie Dejnega stellte ihre Forschungen zu DPs in Österreich vor und bemerkte auch, dass diese in Österreich als „versetzte Personen“ tituliert wurden, was die gewaltsame Verschleppung eigentlich nicht widerspiegelt. Dr. Jan-Hinnerk Antons befasste sich mit jenen Ukrainern, die beispielsweise mit der Wehrmacht nach Deutschland gekommen waren, aber nach 1945 einen DP-Status erlangten.

Erwartungen erfüllt

Vorab zeigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Netzwerktreffens neugierig auf den Austausch und die Anregungen für die eigene wissenschaftliche Arbeit. „Ein guter Erfahrungsaustausch bei Netzwerktreffen ist nicht durch Telefonate oder E-Mails ersetzbar“, brachte Dr. Jan Hinnerk Antons die Erwartungen auf den Punkt. Einige der Forscher waren das erste Mal in Bad Arolsen und waren gespannt darauf, das Archiv für das eigene Projekt zu nutzen. In einer Feedbackrunde wurde deutlich, dass vieles von dem Listenmaterial zu DPs, wenn es mit zum Beispiel Krankenakten, Korrespondenzakten, DP-Files der IRO verknüpft wird, dazu dienen kann, Mikrostudien zu unterstützen, biografisch zu arbeiten und auch verschiedenen Gruppen innerhalb der DPs nachzuspüren.

Weitere Informationen zum DP-Netzwerk unter: www.netzwerkdpforschung.uni-bonn.de