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Zeitzeugengespräch mit Holocaust-Überlebenden Eric Imre Hitter in Berlin

Eric Imre Hitter im Gespräch mit Schülern der Katholischen Theresienschule Berlin.

Vor rund 40 Schülern der Katholischen Theresienschule und 45 Gästen der Ausstellungseröffnung „Die Todesmärsche in den Dokumenten des International Tracing Service“ bei der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ in Berlin hat der Überlebende des Holocaust, Eric Imre Hitter, von seinen Erlebnissen berichtet. Der 86-Jährige erlitt und überstand die Konzentrationslager Auschwitz, Groß Rosen, Flossenbürg sowie zwei Todesmärsche.

Im Alter von 16 Jahren begann für Hitter und seine Familie die Verfolgung in Ungarn. Gemeinsam mit seinen Eltern und seinen Geschwistern wurde er im Sommer 1944 aus dem Ghetto in Nagyvarad nach Auschwitz deportiert. „Der Waggon war für Tiere gebaut und so behandelte uns die ungarische Gendarmerie auch“, erinnert sich Hitter. „Die Unmenschlichkeit des Holocaust spiegelte sich hier zum ersten Mal wider. Diese Brutalität werde ich nie vergessen und verzeihen.“ Bei der Ankunft von seiner Familie getrennt, kam er alleine in ein Arbeitslager, wo für ihn die schlimmste Zeit seines Lebens begann. „Ich wusste doch noch nichts vom Leben“, erklärt er den Schülern. „Direkt vom Gymnasium kam ich ins Lager. Dort musste ich mich anpassen und arbeiten.“

Von Wüstegiersdorf, einem Außenlager des KZ Groß Rosen, in das er weiter deportiert worden war, begann für ihn im Januar 1945 der erste Todesmarsch ins KZ Flossenbürg, dessen „Evakuierung“ wiederum im April 1945 folgte. Die jüdischen Häftlinge hätten zunächst in Waggons steigen müssen, berichtet der Überlebende. Doch der Zug sei immer wieder von den Alliierten bombardiert worden. „Diese nahmen wahrscheinlich an, in dem Zug seien deutsche Truppen oder Kriegsgeräte“, so Hitter. „Ein Löffel in der Tasche hat mich vor den Munitionssplittern geschützt, so blieb ich unverletzt“, erzählt er weiter. „Zusätzlich hat es in meinem Leben wohl immer wieder einen Schutzengel gegeben der auf mich aufgepasst hat.“ Kurz vor dem Heranrücken der US-Armee begann die SS, die verbliebenen Häftlinge zu erschießen. Hitter versteckte sich zwischen dem Stroh auf dem Dachboden und wurde am 23. April 1945 von den Amerikanern befreit.

„Wir waren so terrorisiert von den Nazis, dass wir nie geglaubt haben, dass wir überleben“, so Hitter. „Gleichzeitig gab es immer auch unsere Hoffnung.“ Nach der Befreiung erkrankte er an Typhus und kam in ein Lazarett. Zusammen mit anderen jüdischen überlebenden Jugendlichen lebte er im Spätsommer 1945 in einem Kinderzentrum der Alliierten im bayerischen Indersdorf. „Hier wurde ich gefragt, ob ich nach Hause will, ob ich bleiben will oder in ein anderes Land emigrieren möchte“, berichtet er. „Ich hatte mich für England entschieden und wanderte mit 300 anderen Kindern aus.“

Gemeinsam mit seiner Frau Faye lebt er heute in Belgien. Er erzählt stolz von seinen drei Kindern und acht Enkeln. Er sei nach Deutschland gekommen, um die heutige Jugend kennen zu lernen, spricht er zu den Schülern. „Ich sehe freundliche, intelligente Jungen und Mädchen. Denkt immer nach was ihr tut“, appelliert Hitter an die Jugendlichen. „Wenn man was Schlechtes tun will, denkt zweimal nach.“ Warum es die Shoah gab, weshalb und warum all dies überhaupt möglich war, sind Fragen, die ihn bis heute quälen. Außer zwei Schwestern hat er seine gesamte Familie im Holocaust verloren.

Die Wanderausstellung „Spurensuche - Die Todesmärsche in den Dokumenten des International Tracing Service (ITS)“, die auch das Schicksal von Hitter wiederspiegelt, wurde Anfang Dezember 2013 im Foyer der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ eröffnet. Mit Blick auf die beiden von ihr moderierten Zeitzeugengespräche während der Veranstaltung in der Schule sowie bei der Stiftung betonte Dr. Susanne Urban, Leiterin des Bereichs Forschung und Bildung beim ITS: „Wir haben nicht mehr lange die Chance, diesen Menschen zuzuhören. Sie sind die Brücke in die Vergangenheit, und wir müssen diese Brücke immer wieder beschreiten.“

Die Todesmärsche waren das letzte organisierte Massenverbrechen des nationalsozialistischen Deutschland. Tausende Häftlinge kamen an den letzten Tagen des Krieges noch zu Tode. Beim ITS lief von 1946 bis 1951 ein Programm, mit dessen Hilfe die Opfer der Todesmärsche gefunden und identifiziert werden sollten. Die jetzt in Berlin eröffnete Ausstellung ermöglicht Einblick in die Dokumentenbestände des ITS zu diesem Thema und gibt die Erinnerungen von einzelnen Überlebenden wieder.

Über die Ausstellung

Auf sieben Bannern, die auf der Grundlage neu gesichteter Dokumente entwickelt wurden, führt die Ausstellung „Spurensuche - Die Todesmärsche in den Dokumenten des International Tracing Service (ITS)“ zunächst durch einen kurzen Text in die Thematik ein. Danach werden die Herkunft und Vielfalt der Dokumente beschrieben. Im Anschluss folgen zwei Biografien von Opfern der Todesmärsche, deren sterbliche Überreste identifiziert werden konnten. Als Überleitung zu der Biografie Hitters dienen Erinnerungssplitter Überlebender an die Todesmärsche, die Dokumenten des ITS entnommen wurden.

Wanderausstellung „Spurensuche - Die Todesmärsche in den Dokumenten des International Tracing Service (ITS)“
4. Dezember 2013 bis 22. Januar 2014
Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft"
Lindenstraße 20-25
10969 Berlin