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Zwischen Furcht, Enge und Flüsterton

Willy Zalmon ist ein Überlebender des Holocaust. Zwei Jahre musste er sich mit seinen Eltern und seinem Onkel in einem Erdloch auf einem Bauernhof verstecken. Auf diese Weise entging zumindest ein Teil der polnischen-jüdischen Familie ihren Nazi-Häschern. „Ich habe jahrelang nicht über meine Erlebnisse sprechen können, weil die Erinnerungen zu schwer auf der Seele lasten. Erst langsam habe ich mich auf Drängen meiner Tochter geöffnet“, sagt der heute in Israel Lebende.

Seit seiner Pensionierung befasst sich der 79-Jährige intensiv mit der Geschichte seiner Familie und der ihrer Freunde. Jetzt kam Zalmon zusammen mit einer Gruppe israelischer Genealogen zum Internationalen Suchdienst (ITS) nach Bad Arolsen, um Einblick in die Dokumente zu nehmen und mögliche Lücken in den Verfolgungswegen zu schließen. Eine Woche lang recherchieren die Forscher im Archiv nach den Schicksalen jüdischer Familien.

Gerade mal neun Jahre alt war der damalige Willy Zollmann, als am 28. Oktober 1938 zwei Polizisten an die Tür seines Elternhauses klopften. Die dreiköpfige Familie sollte eine Tasche packen und sofort mitkommen zur Polizeiwache. „Am selben Tag sollte mein Vater seine Firma verkaufen“, berichtet Zalmon. „Sie wurde arisiert.“ Die Vertreibung der polnischen Juden aus Deutschland bildete den Auftakt zur geplanten Vernichtung des europäischen Judentums. Circa 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit wiesen die Nazis Ende 1938 aus. Erst 1920 war Willys Vater nach Deutschland gekommen. Einige Jahre später baute er sich in Leipzig eine Existenz auf.

In Gefängnisbussen ging es zum Bahnhof, von dort aus per Zug Richtung Polen und dann in einem stundenlangen Fußmarsch eingekeilt von SS-Truppen Richtung Grenze. „Die ganze Zeit kein Wort, warum oder wohin wir gehen sollten. Eine Reise ins Ungewisse“, so Zalmon. Die Polen wollten die Gruppe zunächst nicht ins Land lassen, die SS-Truppen schossen in die Luft, damit keiner auf die Idee kam umzukehren. Nach einigen Stunden Schlaf im Wald ging schließlich der Schlagbaum nach Polen auf.

Die Familie fuhr zu den Großeltern nach Bochnia, etwa 40 Kilometer östlich von Krakau. „Als der Krieg losging, sah ich die Bomben fallen“, erzählt Zalmon. An eine Flucht war nicht zu denken. Seit den frühen Dreißiger Jahren versuchte der Vater, Europa zu verlassen in Richtung Palästina oder Südamerika. „Doch alle Staaten hielten die Grenzen für polnische Juden verschlossen. Eine Auswanderung blieb unmöglich.“

Es folgte die Ghettoisierung. Die jüdische Bevölkerung von Bochnia musste auf wenige Häuserzeilen zusammenrücken. Am Leben erhielt die Familie die Arbeit in einem Betrieb der Rüstungsindustrie. „Mein Vater und ich fertigten Winterkleidung für das Militär an. So entgingen wir den sogenannten ‚Aktionen’ im Ghetto“, erinnert sich Zalmon. Der Jugendliche musste mit ansehen, wie die Deutschen alle Juden in Vernichtungslager verschleppten, die nicht in Rüstungsbetrieben und anderen Zulieferfirmen der Wehrmacht arbeiteten. Zalmons Großeltern und andere Verwandte waren darunter. „Ich sah sie nie wieder“, so der Überlebende. Alte und Kranke wurden an Ort und Stelle ermordet. „Eine blinde Frau, die nicht transportfähig war, erschossen die Nazis kaltblütig im Innenhof. Das Geräusch des Schusses hat sich mir fest eingebrannt.“

Als Zalmon bei der nächsten Razzia selbst erkrankt war, verbarg er sich zwei Tage mit seiner Mutter in einem Kellerverschlag, um dem Transport ins Vernichtungslager zu entgehen. Da sich die Lage weiter zuspitzte, suchte die Familie schließlich nach einem dauerhaften Versteck. Bei einer polnischen Bauernfamilie, der der Großvater einmal mit einer Anleihe ausgeholfen hatte, konnten sie sieben Kilometer außerhalb von Bochnia unterschlüpfen. Mit vier Personen teilten sich Willy, seine Eltern und ein Onkel ein extra ausgehobenes Erdloch unter einer Scheune. „Es war mit Holzbrettern und Heu abgedichtet, so dass es von außen nicht zu sehen war. Wir hatten darin gerade genug Platz zum Liegen und konnten uns nur auf den Knien fortbewegen. Im Schutz der Nacht trauten wir uns jeweils für eine Stunde an die frische Luft“, berichtet Zalmon. Zwei Jahre dauerte das Martyrium zwischen Furcht, Enge und Flüsterton an, bevor im Januar 1945 die Russen das Dorf befreiten.

Der damals 16-Jährige fing an wie verrückt zu lernen, schaffte das Abitur und besuchte die Technische Universität in Krakow. 1949 gelang der Familie nach der Gründung des Staates Israel endlich die lang ersehnte Auswanderung. Per Schiff ging es von Marseille nach Haifa, wo Zalmon seitdem zu Hause ist. „Ich beschloss, nie wieder in meinem Leben einen Fuß nach Deutschland zu setzen“, sagt der Israeli. So ganz hat er sich nicht an den Vorsatz halten können. Nach einem erfolgreich abgeschlossenen Maschinenbaustudium und der Karriere als leitender Ingenieur stand 1979 eine Dienstreise nach Bonn an. „Es fiel mir schwer, aber ich sagte mir, dass es im Interesse Israels sei“, beschreibt Zalmon seine Gefühle von damals. Inzwischen war er mehrfach in Deutschland. Nur in seine Heimatstadt Leipzig hat der Holocaust-Überlebende bis heute keinen Fuß gesetzt.