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Hoher ideeller Wert

Bild zeigt Foto eines Mannes und einen Kugelschreiber aus den Effektenbeständen

Effekten bei der Rückgabe

Brieftaschen mit Fotos, Eheringe mit Gravur, Modeschmuck, Briefe oder Dokumente: Bei der Einlieferung in Konzentrationslager hatten die Menschen nur das dabei, was sie zufällig bei ihrer Verhaftung bei sich trugen. Bei den Effekten handelt es sich um solch persönliche Gegenstände, die Häftlingen bei ihrer Einlieferung ins Konzentrationslager abgenommen wurden. Der International Tracing Service (ITS) bewahrt in seinem Archiv noch circa 2.700 Effekten, von denen die Eigentümer namentlich bekannt sind. In anderen Gedenkstätten und Museen gibt es zwar ebenfalls erhaltenes Hab und Gut von Häftlingen, doch eine namentliche Zuordnung ist nur in seltenen Fällen möglich.

Die Gegenstände haben in der Regel keinen materiellen, aber einen hohen ideellen Wert für die Familienangehörigen. Nicht selten sind sie ein letztes Erinnerungsstück. Der ITS verfolgt das Ziel, die Effekten an die Besitzer oder die Familien der NS-Verfolgten zurückzugeben. Jedes Jahr gelingt das in einigen Fällen, vielfach durch die Kooperation mit Gedenkstätten und Partnerorganisationen oder durch die Recherchen von Journalisten. Auch kommt es vor, dass sich Angehörige an den ITS wenden und darüber eine Übergabe erfolgen kann.

Die Effekten stammen hauptsächlich aus den Konzentrationslagern Neuengamme (2.400) und Dachau (330). Daneben befinden sich Gegenstände einiger weniger Häftlinge der Gestapo Hamburg, aus den Konzentrationslagern Natzweiler und Bergen-Belsen sowie den Durchgangslagern Amersfoort und Compiègne darunter.

Die Eigentümer der Effekten waren überwiegend politisch Verfolgte. Vermutlich sind Angehörige aller Nationen darunter, deren Länder von den Nationalsozialisten besetzt wurden. Die Mehrzahl unter ihnen waren Osteuropäer.

Hier erfahren Sie, was uns die Effekten erzählen können.

Hier finden Sie mehr Informationen zur Herkunft der Effekten.

Die Brieftasche von Heinrich Laubinger

  • Bild zeigt: Fotos und Dokumente aus der Brieftasche von Heinrich Laubinger

    Der Inhalt der Brieftasche von Heinrich Laubinger

  • Im Bestand der Effekten befindet sich zum Beispiel die Brieftasche des deutschen Sinto Heinrich Laubinger, der 1940 im KZ Mauthausen starb. Mithilfe der Fotos und Dokumente aus dieser Brieftasche sowie der Unterlagen im Archiv des ITS lässt sich das Leben dieses NS-Opfers nachzeichnen. Heinrich Laubinger kam im hessischen Oberdieten am 27. April 1899 zur Welt. Sein Großvater Heinrich ließ die Geburt im Standesamt registrieren. Seine Mutter, die ledige Wilhelmina Lina Laubinger, brachte das Baby war im Stall eines Gastwirts zur Welt. In genau diesem Jahr sollten „Zigeuner“ in deutschen Ländern von so genannten „Zigeunerzentralen“ der Sicherheitspolizei erfasst werden. Danach folgten in kurzen Abständen neue Gesetze, die das Leben dieser Minderheit erschwerten. Die Familie Laubinger gelangte 1916 nach Tilsit im damaligen Ostpreußen. Mittlerweile war Heinrich Laubinger ein 17-jähriger Jugendlicher. Der junge Mann lebte vom 25. November 1918 bis Ende Juni 1919 in Hannover, als Beruf war in seinen Meldeunterlagen „Künstler“ vermerkt.

    Wann er und die junge Witwe Anna Rosa Winter sich kennen gelernt haben, ist nicht bekannt. Am 21. Dezember 1924 zog Heinrich Laubinger nach Holzminden um. Einige Wochen später, am 17. Januar 1925, heirateten Heinrich Laubinger und Anna Rosa Winter. Am 16. Dezember 1929 kam ihre Tochter Alma zur Welt, drei Jahre später, am 10. Dezember 1932, der Sohn Eduard. Vier Monate später starb Anna Rosa Laubinger in der Landesheilanstalt Neuhaldensleben. Im Mai 1937 kam der Witwer Laubinger nach Minden in Westfalen und wohnte zunächst bei Rudolf Weiß, einem Verwandten. Wo Heinrich Laubinger verhaftet wurde, und wann er in das KZ Sachsenhausen eingeliefert wurde, lässt sich nicht anhand der Akten im ITS nachvollziehen. Im KZ Sachsenhausen musste der knapp 40-jährige Laubinger, wie so viele andere Häftlinge auch, Zwangsarbeit in den Großziegelwerken leisten.

    Am 25. Januar 1940 wurden 1.034 Häftlinge, darunter Laubinger, aus dem KZ Sachsenhausen in das KZ Mauthausen deportiert. Der 41-jährige Laubinger bekam in Mauthausen als Häftling der Kategorie „Arbeitszwang-Reich“ die Häftlingsnummer 2009 und wurde für die Arbeit im „Marbacher Bruch“ eingeteilt. Alle persönlichen Gegenstände, welche die Häftlinge noch bei sich trugen, wurden durch die Lagerverwaltung beschlagnahmt. Heinrich Laubinger musste sein Portemonnaie mit dem gesamten Inhalt abgeben: Persönliche Papiere, Fotos und Urkunden. Die schwere Zwangsarbeit im Steinbruch war für die von Unterernährung, Schlägen, unzureichender Kleidung, mangelhaften hygienischen Umständen und Terror geschwächten Häftlinge oft das sichere Todesurteil. Am 6. März 1940 um 14:50 Uhr starb Heinrich Laubinger im KZ Mauthausen. Im Sterbebuch des Standesamtes Mauthausen/Marbach war als Todesursache vermerkt: Ruhr, Herz- und Kreislaufschwäche. Diese und ähnliche Angaben tauchen immer wieder in Sterbeurkunden auch aus anderen Konzentrationslagern auf. Die Kinder und die Verwandten erhielten keine Nachricht über den Verbleib oder den Tod des Heinrich Laubinger. Erst viele Jahre später, als 1959 seine Schwester Maria Diesenberg einen Antrag auf Entschädigung stellte, erfuhr die Familie mehr über sein Schicksal.

    Der ITS zeichnete die Biografie von Heinrich Laubinger für ein Heft der Pädagogischen Handreichungen nach, das im schulischen und außerschulischen Unterricht eingesetzt wird. Ergänzt werden die biografischen Informationen und die Abbildungen der erhaltenen Fotos und Dokumente durch historische Begleittexte und den Blick in die Jahre nach 1945.

    Die pädagogische Handreichung über die Effekte von Heinrich Laubinger steht auf der Website des ITS. Wenn Sie das ganze Heft interessiert, klicken Sie hier.