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Effekten überreicht in der Gedenkstätte Amersfoort

Bild zeigt: Effektenübergabe an die Familien
Der ITS hat in der Gedenkstätte Amersfoort elf niederländischen Familien Effekten ihrer Angehörigen überreichen können.

Der International Tracing Service (ITS) hat am 8. September 2012 in der Gedenkstätte Amersfoort elf niederländischen Familien Effekten ihrer Angehörigen überreichen können, die Häftlinge im Konzentrationslager Neuengamme gewesen waren. „Ich kann mich an meinen Vater leider nicht mehr erinnern“, sagt Wilhelmina van Beek-Dijkhuizen, als sie Briefe und Papiere entgegen nimmt. „Nur durch die Erzählungen meiner Mutter habe ich etwas über ihn erfahren. Ich war gerade einmal zehn Monate alt, als er verhaftet wurde.“

Mit insgesamt acht Angehörigen aus drei Generationen reiste die Familie für die Übergabe der Effekten und Dokumente an. Matthijs Dijkhuizen war am 25. Februar 1944 als politischer Häftling in das Polizeiliche Durchgangslager Amersfoort eingeliefert worden. Er hatte Juden versteckt und war verraten worden. Ihre Mutter sei öfter nach Amersfoort gefahren, um Essen abzugeben, berichtet Wilhemina. „In der Hoffnung, dass er es auch bekommt.“ Am 11. Oktober 1944 wurde der damals 39-jährige Familienvater dann weiter deportiert zum KZ Neuengamme.

Das Schlimmste sei für die Familie die jahrelange Ungewissheit gewesen“, berichtet Wilhelmina. „Nach der Deportation nach Neuengamme verlor sich jede Spur. Wir schrieben an das Rote Kreuz und befragten ehemalige Mithäftlinge. Doch niemand wusste Genaues. Wir haben uns immer ausgemalt, dass er womöglich auf einem der Schiffe in der Lübecker Bucht gestorben ist.“ Die britische Armee hatte am 3. Mai 1945 Schiffe bombardiert ohne zu wissen, dass hierauf die Häftlinge des KZ Neuengamme evakuiert wurden. Über 7000 Menschen verloren ihr Leben. Die noch erhaltenen Dokumente geben keine Auskunft zum Tod von Matthijs Dijkhuizen.

Unter den überreichten Effekten sind auch Briefe, die ihm seine Frau während der Haftzeit gesandt hatte. „Alles im Haus lebt mit und für Dich, mein lieber Mann“, schrieb sie am 12. Juni 1944. „Was ich tue und überlege, geschieht stets in Gedanken an Dich. Ich hoffe so sehr auf ein schnelles Wiedersehen.“ Diese Briefe seien etwas ganz Besonderes für die Familie, bestätigt Wilhelmina. „Unsere Mutter ist inzwischen verstorben und hätte sicher gerne gewusst, dass die Briefe noch existieren.“ Alle Briefe, die er seinerseits noch schreiben konnte, seien in der Familie sorgsam aufgehoben worden. „Wir mussten vorsichtig mit ihnen umgehen, da sie mit Bleistift geschrieben waren und schnell verschmierten“, so Enkelin Mathilda. Die Gefühle bei der Effektenübergabe seien zwiegespalten, räumt die Familie ein. „Wir freuen uns, dass noch etwa Persönliches von ihm da ist, sind aber auch traurig, es erst jetzt zu bekommen.“

Keine drei Monate überlebt

Eine weitere Familie kam mit der über 80-jährigen Schwester des Ermordeten. Johanna van de Vis-Peters hat nie deutschen Boden betreten und bislang auch gegenüber ihrer eigenen Familie wenig über die Zeit der Besatzung gesprochen. „Es ist zu schmerzhaft“, sagt ihr Neffe Hermann van der Vlies. Dennoch ließ sie es sich nehmen, die Habseligkeiten ihres Bruders - ein Portemonnaie, ein Ausweis und Fotos – persönlich entgegen zu nehmen.

„Wir sind erstaunt, dass es so viel ist“, äußert der Sohn von Johanna, Hans van de Vis. „Und wir sind froh über die Kopien der Dokumente. Die Geschichte ist lange her, und als Familie haben wir versucht zu vergessen. Da gehen die Fakten im Laufe der Zeit verloren.“ Herman Peters war nach seiner Verhaftung in Amsterdam wegen „Arbeitsverweigerung“ am 25. Mai 1944 nach Amersfoort und vier Monate später nach Neuengamme deportiert worden. Die schlechte Ernährung und harte Arbeit im Außenlager Ladelund, wo Schützengräben und Geschützstellungen für die Verteidigungsanlage des „Friesenwalls“ ausgehoben wurden, überlebte der damals 19-Jährige nur knapp drei Monate. „Meine Mutter hat einmal das Massengrab in Ladelund besucht“, erinnert sich Hermann. „Die Zeit war ein traumatisches Erlebnis für sie.“

Die Effektenübergabe hat die Gedenkstätte Amersfoort liebevoll organisiert. Harry Ruijs, der Leiter der Gedenkstätte, sein Mitarbeiter Jan van Haeften und die ehrenamtliche Rechercheurin Kitty Brom hielten jeweils eine kurze, bewegende Ansprache. „Es ist gut, dass die Mitarbeiterinnen des ITS heute zu uns gekommen sind“, sagte Ruijs. „Für uns alle ist dieser Moment mit vielen Emotionen verbunden.“ Bei einer abschließenden Gedenkzeremonie legten alle Beteiligten Rosen für die Opfer nieder.