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Effektenrückgabe an Familie aus Frankreich

Bild zeigt: Familie Gimeno bei der Effektenübergabe
Francois Gimeno hat einen Siegelring mit den Initialen seines Vaters und eine Armbanduhr erhalten.

Es war ein außergewöhnlicher Besuch, den der International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen begrüßen konnte. Francois Gimeno aus Rennes, Frankreich, hat gemeinsam mit seiner Familie Effekten zurück erhalten, die seinem Vater im Mai 1944 im Konzentrationslager Neuengamme abgenommen worden waren: einen Siegelring mit den Initialen des Vaters und eine Armbanduhr. „Ich hatte ein wenig Angst davor, hierher zu kommen“, sagt Gimeno. „Zwei Nächte konnte ich vor lauter Gedanken nicht schlafen. Aber es war der richtige Schritt.“

Nie habe er damit gerechnet, bei seinen Recherchen zum Verfolgungsschicksal des Vaters auch auf persönliche Gegenstände zu stoßen, meint Gimeno. „Mein Sohn José Camille hat die Effektenliste des ITS bei einer Google-Suche im Internet entdeckt.“ Auf der Liste stehen die Namen von insgesamt 2.800 ehemaligen Häftlingen aus den Konzentrationslagern Neuengamme und Dachau, deren Brieftaschen, Uhren, Briefe und Fotos auf die Rückgabe an die Familien warten. Die Gimenos machten sich nach der Entdeckung der Liste auf die lange Autoreise, um die Habseligkeiten des Vaters und Großvaters persönlich abzuholen und sich ein Bild vom Archiv des ITS zu machen. Neben den Effekten erhielt die Familie auch Kopien der Dokumente zum Schicksal von José Gimeno.

Dieser war 1915 in Fresneda, Spanien, geboren und hatte als Anarchist in den 30er Jahren auf Seiten der Republik gegen Franco gekämpft. Er floh 1939 nach Frankreich, wo er ein Jahr später interniert wurde, zuerst bei Toulouse und dann in Lorient in der Bretagne. „Hier gelang es ihm, 1942 zu fliehen. Doch was bis zu seiner Deportation nach Neuengamme geschah, wissen wir nicht. Vermutlich war er im Untergrund“, berichtet sein Sohn Francois.

Die Gestapo nahm José Gimeno schließlich im März 1944 in Rennes fest und deportierte ihn nach Deutschland. In Watenstedt, einem Außenlager von Neuengamme, musste der spanische Häftling Granaten für die Wehrmacht produzieren. Bei der Räumung des Außenlagers am 7. April 1945 wurde er per Zug ins KZ Ravensbrück transportiert.“ Hier verfasste er nach der Befreiung im Juni 1945 einen Brief an seine Eltern, der bis heute erhalten blieb. Darin überbrachte er diesen die Nachricht, dass er überlebt habe und einige Wochen im Krankenhaus verbringen musste. „Wir haben 2002 im Nachlass meiner Mutter einige wenige Papiere und Briefe gefunden“, erzählt Gimeno. „Mein Vater hat mit mir nie über die Zeit gesprochen. Und auch meine Mutter konnte nichts erzählen. Sie hat im Krieg viel durchgemacht und wurde im Alter immer ängstlicher. So blieb alles unter dem Mantel des Schweigens.“

Im Juli 1945 war José Gimeno nach Frankreich zurückgekehrt und wurde zunächst im Hotel Lutetia in Paris untergebracht. Dann ging er erneut nach Rennes, begann hier als Bauarbeiter zu arbeiten, gründete eine Familie und bekam spät im Alter von 46 Jahren noch seinen Sohn Francois. 1970 bürgerten ihn die Franzosen ein. Erst zu diesem Zeitpunkt konnte er wieder sicher in sein noch von Franco regiertes Heimatland Spanien reisen und seinen Vater nochmals in die Arme schließen. Dieser war unter Franco zehn Jahren inhaftiert worden, die Mutter starb früh. „Die Grenzkontrolle durch die Spanier war sehr intensiv“, erinnert sich Francois Gimeno, der damals neun Jahre alt war. „Aber immerhin habe ich meinen Großvater noch eine Woche kennen lernen können, bevor er im selben Jahr verstarb.“

Das Verhältnis zur Familie in Spanien sei bis heute angespannt, berichtet Gimeno. „Der Rest der Familie war auf Seiten von Franco und eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat hier nie stattgefunden.“ Sein Vater sei in seinem Inneren immer ein Spanier geblieben und habe ihn selbst zu einem politischen Menschen erzogen. „Im Grunde hatte er Glück gehabt, dass er erst 1944 ins KZ verschleppt wurde. Die Spanier haben im KZ eng zusammen gehalten und sich gegenseitig gestützt.“ So habe sein Vater eine Überlebenschance gehabt, auch wenn er gesundheitlich angeschlagen blieb und im Alter von 62 Jahren starb. „Es ist schwer, dies zu tragen“, sagt sein Sohn. „Die Menschen haben kein Gedächtnis. Sie lernen nicht aus der Geschichte. Am Ende bleibt dies eine rein persönliche Angelegenheit.