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Effektenübergabe an Familien aus Putten

Bild zeigt: Herman und Evert Hamstra beim Erhalt der Effekten
Herman Hamstra und sein Bruder Evert erhalten das Portemonnaie und einen Manschettenknopf Ihres Vaters.

„Es ist unbeschreiblich, nicht in Worte zu fassen“, sagt Herman Hamstra beim Anblick des Portemonnaies und des Manschettenknopfes. Sie gehören zu den wenigen verbliebenen Habseligkeiten des Vaters, die dieser bei der Einlieferung ins Konzentrationslager Neuengamme bei sich trug. Nach über 67 Jahren halten Herman und sein Bruder Evert diese erstmals wieder in Händen.

Dank der Recherchen der Stiftung „October 44“ konnte der International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen am 13. September 2012 Effekten an die Angehörigen von insgesamt fünf Familien aus dem niederländischen Putten zurückerstatten. Weitere zwei Familien werden die Effekten per Post erhalten. „Ich hätte nicht gedacht, dass diese Dinge noch existieren“, äußert Evert. „Mein Vater wurde an einem Sonntag verhaftet, denn nur an diesem Tag trug er Manschettenknöpfe.“ Lange betrachten die beiden Brüder die Effekten und die Dokumente, die das Verfolgungsschicksal ihres Vaters wiedergeben. „Deutsche Gründlichkeit“, äußert Evert. „Es stimmt wirklich jedes Detail.“

Der 48-Jährige Harman Hamstra war einer von 660 Männern aus Putten, die nach einem Anschlag auf die deutsche Wehrmacht im Oktober 1944 ins Konzentrationslager Neuengamme verschleppt wurden. Nur 48 Männer kehrten nach dem Krieg zurück. Der Ort Putten wurde niedergebrannt. „Lange Zeit wusste unsere Familie nicht, was aus ihm geworden war. Viele von uns dachten, dass die Männer zurückkehren würden. Erst einige Monate nach dem Ende des Krieges erfuhren wir vom Tod unseres Vaters“, erzählt Herman. „Die Zeit der Ungewissheit war schwer zu ertragen.“ Selbst die Befreiung durch die US-Amerikaner hätte die Familie von insgesamt sieben Kindern nicht feiern können.

Sein Vater, der in einer Molkerei gearbeitet hatte, sei ein fürsorglicher und bescheidener Mann gewesen, erinnert sich der 82-Jährige Evert. „Erst die anderen, dann ich, war sein Motto. Vermutlich wird das für ihn auch im Lager gegolten haben.“ Für Evert ist der Krieg bis heute ein Teil seines Lebens. „Ich habe die Bilder täglich vor Augen.“

„Sehr emotional für mich“

Fennie Zevenbergen-Schuiteman erhält eine Geldbörse mit zwei Schlüsseln und einem kleinen Foto von ihrem Bruder Evert zurück. „Von den wenigen Männern, die die Inhaftierung überlebt hatten, wussten wir, dass Evert in ein Außenlager von Neuengamme deportiert worden war“, erinnert sich Fennie. „Er soll zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich geschwächt gewesen sein.“ Der 18-Jährige wurde im Kommando Meppen-Versen für den Bau des „Friesenwalls“ eingesetzt. Hitler hatte den Befehl erteilt, die deutsche Nordseeküste von der niederländischen Grenze bis nach Dänemark zu befestigen zum Schutz vor einem Angriff der Alliierten.

„Auch mein Bruder Jaap und mein Vater Jan wurden von den Nationalsozialisten verschleppt“, erzählt die 84-Jährige. „Ein Überlebender hat uns die Nachricht vom Tod meines Vaters übermittelt. Jaap war aus dem Deportationszug geflohen, der ihn vom KZ Neuengamme in ein Außenlager bringen sollte. Er kam zurück. Doch außer mit einem Freund hat er nie über das Erlebte gesprochen.“ Was aus Evert geworden war, blieb für die Familie vorerst ungewiss. „Das Rote Kreuz hatte damals Sterbeurkunden für die Familien der Verschollen ausgestellt“, so Fennie. „Später erfuhren wir, dass er auf einem Friedhof in Meppen beerdigt wurde.“

„Die persönlichen Gegenstände in den Händen zu halten ist sehr emotional für mich“, flüstert Fennie. „Auf dem kleinen Foto ist Everts damalige Freundin Jo zu sehen“, erklärt sie ihrem mit nach Arolsen gereisten Sohn Evert-Jan. Einer der Schüssel könnte für sein Fahrrad gewesen sein, der andere vielleicht für eine kleine Geldkassette, mutmaßt sie. Die Effekten wird Fennie vorerst behalten und dann an die Stiftung ‚October 44‘ vererben. „Dort sind sie gut aufgehoben für die nachfolgenden Generationen.“