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Rückgabe einer Effekte an belgische Familie

Bild zeigt: Willy Huybrechts mit einem ITS Mitarbeiter bei Effektenübergabe
Willy Huybrechts erhält den Füllfederhalter seines Onkels aus dem Konzentrationslager Neuengamme.

„Ein wenig beängstigend“, empfindet Willy Huybrechts den Anblick des Füllfederhalters. Es handelt sich um eine Effekte aus dem Konzentrationslager Neuengamme, die der Belgier am 24. Mai 2012 vom Internationalen Suchdienst (ITS) zurückerhält. „Mein Onkel hat das Konzentrationslager nur wenige Monate überlebt, aber sein Füller ist über 65 Jahre später immer noch da. Das sagt viel über das System, das dahinter steckte.“ Der Füller gehörte seinem Onkel Franciscus Broothaers, der am 8. März 1945 im Außenkommando Watenstedt bei Salzgitter verstorben ist.

Die Übergabe der Effekte an die Familie findet in der KZ-Gedenkstätte von Salzgitter statt. „Für uns ist es das erste Mal, dass wir einen persönlichen Gegenstand zurückgeben können“, sagt die Gedenkstättenleiterin Elke Zacharias. Sie hat Huybrechts bereits die Stätten der Verfolgung in Salzgitter gezeigt: das Außenlager und den Friedhof Jammertal, auf dem Willys Onkel 1945 verscharrt wurde. Das Gelände des Außenlagers Watenstedt ist auch heute Gewerbegebiet. Nur eine unauffällige Erinnerungstafel macht auf die Geschichte des Ortes aufmerksam.

Der im Juli 1943 speziell für Zwangsarbeiter angelegte Friedhof Jammertal ist gut erhalten. Im Gegensatz zu anderen Friedhöfen oder Massengräbern aus der NS-Zeit wurden die Toten hier namentlich erfasst. Die bis heute existierende Friedhofskartei enthält etwa 4.000 Namen, die auf eine Initiative der Menschen vor Ort hin heute in Grabplatten eingelassen sind und auf Erinnerungstafeln angebracht wurden. „Es fällt mir schwer, mir das Leben der Menschen damals vorzustellen“, räumt Huybrechts ein. „Von daher ist es gut, Fakten zu haben und nicht spekulieren zu müssen.

Vier Familienmitglieder verschleppt, nur zwei kehrten heim

Die belgische Familie Broothaers lebte 1941 mit elf Kindern etwa 15 Kilometer südlich von Antwerpen. Die Mutter blieb zurück mit den kleinen Kindern, während der Vater und die drei ältesten Kinder zur Arbeit nach Deutschland mussten. Die Kinder Horthensia - Willys Mutter -, Franciscus, Armandus und der Vater Bernhard waren Zwangsarbeiter, zunächst bei der Bayer AG in Leverkusen und anschließend beim Reichsbahnausbesserungswerk Opladen. Willys Mutter konnte im März 1945 zu Fuß zurückkehren in die Heimat.

Die Männer wurden dagegen Ende September 1944 über das Konzentrationslager Sachsenhausen ins KZ Neuengamme bei Hamburg deportiert. „Den Grund für ihre Deportation kenne ich noch nicht. Es ist die Frage, die bleibt und mich am meisten bewegt“, berichtet Huybrechts. „Ich möchte mehr wissen. Will begreifen, wie sie in dieses System geraten konnten.“ Familienvater Bernhard verstarb kurz vor dem Kriegsende in Neuengamme.

Die beiden ältesten Söhne kamen ins Außenkommando Watenstedt bei Salzgitter. In den berüchtigten Hermann-Göring-Werke mussten Amandus und Franciscus Bomben und Granaten produzieren. „Die Zwangsarbeiter hier waren im Alter von 16 bis 22 Jahren. Die Lebensbedingungen waren so schlecht, dass die jungen Menschen nur wenige Monate arbeitsfähig blieben. Ab Mitte Januar schnellte die Sterberate enorm nach oben“, weiß Zacharias. Auch Franciscus schaffte es nicht. Nur sein Bruder Amandus überlebte bis zur Befreiung. „Er kam jedoch sehr geschwächt nach Hause. Trotz seiner 1,88 Meter wog er nur noch 33 Kilo“, erzählt Huybrechts. „Er ist nie wieder richtig zu Kräften gekommen und starb bereits 1955, zwei Monate vor meiner Geburt. Er soll immer gesagt haben, jemand sollte mir mit dem Hammer auf den Kopf schlagen, damit es vorbei ist.“

Nur drei Dinge habe es im Haushalt seiner Mutter gegeben, die an die Zeit des Nationalsozialismus erinnerten, berichtet Huybrechts. Dazu zählten ein Foto im Schlafzimmer meiner Mutter, ein Brief, der vom KZ Sachsenhausen zurückkam und die Mitteilung über den Tod des Onkels von Seiten der belgischen Regierung im Jahr 1950. „Wir haben in der Familie nie darüber gesprochen. Das Thema wurde höchstens mal kurz angerissen. Erst nach dem Tod meiner Mutter im Jahr 2004 fing ich an zu recherchieren.“

2.900 Effekten im Archiv des ITS

Vor kurzem wandte sich Huybrechts mit einer Anfrage zu seiner Familie dann auch an die Gedenkstätte in Salzgitter. „Die Mail erreichte mich, als ich gerade im Archiv des ITS recherchierte. Von daher konnte ich schnell antworten“, berichtet Zacharias. „Und ich entdeckte hier auch den Hinweis auf eine Effekte.“ Neben Millionen Dokumenten zur NS-Verfolgung befinden sich noch etwa 2.900 Effekten im Archiv des ITS, von denen der Name der ursprünglichen Eigentümer bekannt ist. Der ITS versucht, die persönliche Habe zurückzugeben und ist dankbar für die Unterstützung bei der Suche nach Familienangehörigen durch Gedenkstätten. „Ich habe mich über den Fund gefreut“, so Zacharias. „Es ist gut zu spüren, dass wir unsere Forschungsarbeit nicht nur für das Papier machen, sondern in diesem Fall auch etwas Konkretes zurückgeben können.“

Die Übergabe der Effekte und der Dokumente zur Verfolgung der Familie Broothaers übernahm ITS-Mitarbeiter Manfred Kesting, der dafür von Bad Arolsen nach Salzgitter reiste. „Ich bin sehr glücklich über die Informationen“, sagt Huybrechts. „Meine Mutter hat 20 Jahre nach dem Verbleib ihres Vaters gesucht. Mit Hilfe des Internets lässt sich heute innerhalb von Stunden mehr klären, als ihr in all den Jahren gelang. Schade, dass meine Mutter das heute nicht miterlebt.“

Sieben ihrer Geschwister sind noch am Leben und um die 90 Jahre alt. „Es wird sicher nicht einfach, das Thema anzusprechen“, so Huybrechts. „Ich weiß noch nicht, wie sie damit umgehen werden und frage erstmal ihre Kinder.“ In jedem Fall sei es „gut, dass der Füller und die Dokumente bewahrt wurden. Wir werden uns in der Familie einen würdigen Platz überlegen.“ Fest steht für den Belgier zugleich, dass er weiter machen will, noch mehr erfahren möchte. „Für mich ist dies noch nicht das Ende der Suche, auch wenn ich sicher nicht alle Antworten bekommen werde.“