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Vom Hilfsmittel zum Weltdokumentenerbe

Bild zeigt Blick in Karteikarten der Zentrale Namenkartei

Blick in die Zentrale Namenkartei des ITS

Nach der Zerschlagung des NS-Regimes zeichnete sich ab, was für eine gewaltige Aufgabe die Suche nach Verwandten und Angehörigen sein würde. Die von den Alliierten sichergestellten Dokumente der akribisch genauen NS-Bürokratie zu Massenmord, Genozid und Verfolgung hatten bei der Suche eine Schlüsselfunktion. Bereits im Januar 1946 wurde damit begonnen, die zentral gesammelten Dokumente nach Arolsen zu bringen. Hinzu kamen die ebenfalls sehr detaillierten Unterlagen über die Versorgung und Betreuung der Displaced Persons nach 1945 durch die Alliierten. Um von zentraler Stelle möglichst umfassend informieren zu können, sammelte der International Tracing Service (ITS) zudem weitere Dokumente, darunter auch Kopien aus anderen Archiven. Hinzu kam im Laufe der Jahre der umfangreiche Bestand von Unterlagen, die durch die Such- und Dokumentationsarbeit des ITS entstanden sind. Dazu zählt die Zentrale Namenkartei, die auf circa 50 Millionen Karteikarten Hinweise zu 17,5 Millionen Personen enthält. 2013 hat die UNESCO die Originaldokumente im Archiv des ITS sowie die Zentrale Namenkartei in das Register „Memory of the World“ aufgenommen.

Originale aber auch Kopien

77 Prozent aller Dokumente im Archiv des International Tracing Service (ITS) sind Originale. Doch wurden über die Jahrzehnte zur Vervollständigung der Unterlagen auch gezielt Kopien angefertigt oder Kopien übernommen. In manchen Fällen sind diese Kopien die einzig bekannten Exemplare der jeweiligen Unterlagen und haben deshalb einen besonderen historischen Wert. Oft ist nicht bekannt, ob es weitere Kopien gibt oder ob die Institutionen die Originale überhaupt aufbewahrt haben.

Ausgangspunkt für die Sammlung von Kopien war die Idee der Alliierten, von einer einzigen Stelle aus möglichst vollständig über Verfolgungswege informieren und so auch die Aufgabe der Familienzusammenführung besser erfüllen zu können.

Dr. Christian Groh, Leiter der Abteilung Archiv

Der ITS ist kein klassisches Archiv, sondern war Such- und Anlaufstelle für Überlebende und Angehörige von Opfern der NS-Verfolgung. Die daraus resultierende Ordnung ist ein Teil der Geschichte des ITS und wird deshalb beibehalten.

Dr. Christian Groh, Leiter der Abteilung Archiv
  • Zentrale Namenkartei

    Die Zentrale Namenkartei ist der Schlüssel zum Archiv des International Tracing Service (ITS) und war über viele Jahrzehnte das wichtigste Arbeitsinstrument bei der Spurensuche. Sie entstand, weil zu jedem Namen auf jedem einzelnen Dokument eine Karteikarte angelegt wurde, die auf den Standort des Dokuments verweist. Die Basis für die Zentrale Namenkartei waren die sogenannten DP3-Karten, auf denen die Alliierten jene Menschen registrierten, die aufgrund von Verfolgung oder Zwangsarbeit heimatlos geworden waren. Hinzu kamen Tracing Karten, die unmittelbar nach der Zerschlagung des NS-Regimes bei der Suche nach vermissten NS-Verfolgten angelegt worden waren. Auf Karten gleicher Größe wurden dann über Jahrzehnte beim ITS alle Hinweise auf NS-Verfolgte notiert.

    Die Kartei ermöglicht einen schnellen Überblick, ob zu einer angefragten Person Informationen im Archiv vorliegen. Die Karten sind nach einem speziell für den ITS entwickelten alphabetisch-phonetischen System sortiert. So sind auch verschiedene Schreibweisen von Namen berücksichtigt, zu denen es aufgrund der vielen Nationalitäten der NS-Opfer bei deren Registrierung kam. Es gibt in der Zentralen Namenkartei zum Beispiel 849 Varianten zur Schreibweise des Namens „Abramovitsch“ oder auch 156 verschiedene Schreibweisen des Namens „Schwarz“.

    Von 1998 bis 1999 wurde die Zentrale Namenkartei digitalisiert. Seit dem Jahr 2000 werden Anfragen nur noch in der digitalen Version der Zentralen Namenkartei geprüft und sämtliche neuen Dokumente und Anfragen per EDV registriert.

    Die Zentrale Namenkartei ist mit 50 Millionen Hinweiskarten zu 17,5 Millionen Menschen weltweit ein einzigartiges Mahnmal aus Papier über die NS-Verbrechen und ihre Folgen. Außerdem ist die Zentrale Namenkartei ein kulturgeschichtliches Zeugnis, das die Suche nach vermissten NS-Opfern als humanitäre Aufgabe und Verpflichtung der Zeit nach 1945 bis heute zeigt. Sie wurde 2013 in das UNESCO Register „Memory of the World“ aufgenommen.

  • Child Search Branch

    Unmittelbar nach 1945 sahen sich die alliierten Streitkräfte und internationalen Hilfsorganisationen mit dem Problem der vermissten und „unbegleiteten Kinder“ (unaccompanied children) konfrontiert. Mehrere zehntausend Kinder und Jugendliche wurden ohne Familienangehörige aufgefunden. Sie waren Überlebende der NS-Konzentrations- und Vernichtungslager, zur Zwangsarbeit verschleppte Minderjährige oder Kinder von Zwangsarbeiterinnen sowie Kinder und Jugendliche, die jahrelang in Verstecken ausharren mussten. Außerdem gab es die Kinder, die im NS-Regime geraubt und zur „Eindeutschung“ in Germanisierungsprogrammen untergebracht wurden - oftmals ohne jegliche Anhaltspunkte auf ihre Identität oder die ihrer Eltern.

    1945 wurde deshalb für die Fürsorge der „unaccompanied children“ innerhalb der UNRRA eine gesonderte Abteilung mit dem Namen Child Tracing Section (CTS) - ab 1948 Child Search Branch (CSB) - ins Leben gerufen. Die Aufgabe dieser Institution bestand unter anderem darin, Identität und Staatsbürgerschaft festzustellen und die Kinder und Jugendlichen mit den erforderlichen Papieren auszustatten. Ferner galt es, Kontakte zu Angehörigen herzustellen und eine Repatriierung oder Auswanderung vorzubereiten. Außerdem wandten sich Familien an den CSB, die selbst auf der Suche nach ihren vermissten Kindern waren.

    1950 kamen die Akten des Child Search Branch nach Arolsen zum International Tracing Service (ITS), darunter die Kinderakten, die unter anderem auch Interviews beinhalten. Ab einem bestimmten Alter waren die Kinder und Jugendlichen von Child-Search-Mitarbeitern über ihr Schicksal während der NS-Zeit, die Schicksale ihrer Familien sowie über ihre Berufswünsche befragt worden.

  • Korrespondenzakten

    Die Korrespondenzakten sind durch die Such- und Dokumentationsarbeit des International Tracing Service (ITS) entstanden. Sie sind heute sowohl für die Forschung als auch für die Auskunftserteilung über NS-Verfolgte wichtig. Die Akten zu rund drei Millionen Menschen enthalten Briefwechsel zwischen dem ITS, Behörden sowie Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung und ihren Familienangehörigen. Neben der Suche und Schicksalsklärung ging es um Bescheinigungen über Inhaftierung oder Zwangsarbeit, die verlangt waren, um Entschädigungs- oder Rentenzahlungen beantragen zu können.

    In den Unterlagen finden sich neben den Anfragen nicht selten Zeitzeugenberichte. Denn die Menschen, die sich an den ITS wandten, um Auskunft zu erhalten oder noch lebende Familienangehörige zu suchen, schilderten deren Geschichten oder auch die eigenen Schicksale: manchmal in Stichworten, manchmal als ausführliche Lebensläufe. Sofern dieser Schriftverkehr älter als 25 Jahre ist, können Forscher diese Unterlagen einsehen.

    Die Korrespondenzakten sind für die Suche nach Angehörigen ein wichtiges Hilfsmittel. Es kommt vor, dass Familienmitglieder aus verschiedenen Ländern, die nichts voneinander wissen, Informationen suchen. Der ITS stellt den Kontakt her, wenn die Familien damit einverstanden sind.

  • Karteikartenbestand der Reichsvereinigung der Juden

    Im Januar 1939 wurde auf Anordnung Hermann Görings die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland gegründet, die zunächst vor allem für die Emigration der Juden sorgen sollte. Die Reichsvereinigung war eine Zwangsorganisation, der sämtliche im „Altreich“ lebenden deutschen und „staatenlosen“ Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen als Juden galten, angehören mussten. Sie war für alle Lebensbereiche der Juden „zuständig“. Zugleich diente sie als „Verbindungsstelle“ zwischen Staat und jüdischer Bevölkerung, über die die Arbeit der jüdischen Einrichtungen überwacht sowie die antisemitischen Diskriminierungsmaßnahmen bekannt gemacht wurden. Bis in die Zeit der systematischen Deportationen ab Herbst 1941 arbeiteten mehrere tausend Menschen bei der Reichsvereinigung und den Jüdischen Gemeinden. Im Sommer 1943 war die Reichsvereinigung die letzte jüdische Einrichtung im Reich, fast alle Mitarbeiter waren zu diesem Zeitpunkt deportiert worden.

    Zwischen 1947 und 1950 wurden die Karteikarten der Reichsvereinigung der Juden dem International Tracing Service (ITS) übergeben. Es handelt sich um neun Teilkarteien mit 32.000 Karteikarten, auf denen biografische Angaben zu finden sind. Sie geben Hinweise auf die Schicksale der Menschen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es mehr Teilkarteien gab, die jedoch nicht erhalten sind. Neben einer „Verstorbenenkartei“, einer „Emigrantenkartei“ und einer sogenannten „Ausländerkartei“ gab es auch die „Berliner Schülerkartei“ mit mehr als 10.000 Karten, die vom Leben der jüdischen Kinder während der Verfolgung zeugen.

  • Krankenakten Displaced Persons

    In den Beständen des International Tracing Service (ITS) befinden sich ca. 86.000 DP-Krankenakten, die in der Zeit von 1945 bis etwa Mitte der 1950er Jahre von den jeweiligen Krankenhausverwaltungen geführt wurden. Der Schwerpunkt des Bestandes stammt aus DP-Krankenhäusern der amerikanischen Besatzungszone. Zu nennen sind hier unter anderem die Krankenunterlagen der DP-Krankenhäuser Feldafing und Gauting. Aber auch aus Österreich oder Bremen-Lesum gibt es Dokumente.

    Neben einer Dokumentation der gesundheitlichen Folgen der Verfolgung enthalten die Krankenunterlagen vielfach Informationen über die Lebenssituationen: es finden sich neben einzelnen Bruchstücken und Hinweisen auf das Verfolgungsschicksal und das Leben danach auch verschiedene Gutachten, manchmal Fotos, Korrespondenzen oder Informationen über die Patienten oder deren Familien, bis hin zu selbst verfassten Lebensläufen oder ausführlichen Schilderungen. Damit bieten die Krankenunterlagen nicht nur einen Eindruck von den physischen und psychischen Verheerungen, welche die oft über Jahre währende Verfolgung und Inhaftierung bei den Überlebenden hinterlassen haben.

    Darüber hinaus machen die Krankenakten deutlich, wie die Menschen unterstützt wurden – etwa durch medizinische und soziale Betreuung – oder die von Empathie gekennzeichnete Begleitung durch die Medical Social Workers der verschiedenen Hilfsorganisationen oder durch die Vermittlung in verschiedene Auswanderungsprogramme. Diese Fürsorge setzte fort, was als programmatische Leitlinie des „Help the people to help themselves“ von der UNRRA entwickelt worden war.

    Die Krankenunterlagen bieten aber auch Hinweise auf die Entwicklung der frühen Praxis von Entschädigungen, wenn ehemals NS-Verfolgte in schlechtem gesundheitlichem Zustand für ihren „Antrag auf Kostenübernahme für Erholungsaufenthalt“ beispielsweise deutschen Behörden detailliert Rechenschaft über ihre Einkommens- und Vermögensverhältnisse abzulegen hatten.

Das alphabetisch-phonetische System des ITS

Eine große Herausforderung bei der Suche nach Informationen sind die verschiedenen Schreibweisen von Namen, Institutionen und Orten. Nur bei genauer Kenntnis der vielen Varianten können Schicksale rekonstruiert werden. Nicht selten existieren zu Verfolgten bis zu 20 Unterlagen und diese dann oft in verschiedenen Schreibweisen des Namens.

Wie kommt es zu verschiedenen Schreibweisen?

Der Grund für verschiedene Schreibweisen von Namen ein und derselben Person liegt in der Chronologie der Ereignisse begründet. Verfolgte wurden oft zuerst von deutschsprachigen Personen erfasst. In den Schreibstuben von Konzentrationslagern waren dann Häftlinge verschiedenster Nationalitäten eingesetzt. Auch die Interviews mit Überlebenden durch die Alliierten nach 1945 wurden von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten geführt. Da die Erfassung nach dem phonetischen Verständnis der Erfassenden erfolgte, traten erste Abweichungen in der Schreibweise auf. Einige Personen gaben aber auch zum Zwecke der Tarnung verschiedene Namen an. Nicht zuletzt änderten sich Namen durch Heirat oder durch Anpassung nach der Auswanderung. Erschwerend kommt hinzu, dass oft auch in den Anfragen Orte und Einrichtungen nicht nach der offiziellen Schreibung angegeben werden, sondern so, wie sie den betreffenden Personen phonetisch in Erinnerung geblieben sind. Viele – aber nicht alle - dieser alphabetisch-phonetisch Probleme lassen sich mit Hilfe von Computerprogrammen lösen.

Besonderheiten in der Phonetik

Bei der Bearbeitung und Verwaltung der Dokumente in den Archiven des ITS wird besonders auf die richtige Einordnung der Namen in Bezug auf phonetische Merkmale geachtet. Eine Suchanfrage mit dem Namen WISCHNEWSKI kann zum Beispiel dem Namen in den ITS-Beständen VISNIEVSKI entsprechen. Sehr viele Namen kommen in mehr als einer Schreibweise in den Archiven des ITS vor. Das ist bekannt und so wird bei der Suche nach allen Varianten des Namens gesucht und mögliche Verbindungen werden hergestellt. Ein prägnantes Beispiel dafür, wie viele unterschiedliche Möglichkeiten es für die Rechtschreibung von Namen in den Unterlagen des ITS gibt, ist der Name ABRAHAMOVIC. Allein für diesen Namen gibt es 849 vorkommende Schreibweisen:

Nachfolgende finden Sie zur Verdeutlichung einen Auszug von phonetischen Besonderheiten, die bei der Bearbeitung von Suchanträgen berücksichtigt werden:

KOBILSKI = KOBIELSKI

DOROZ = DOROSCH

MEIOWSKI = MEIEVSKI

BELIAWSKI = BIELAVSKI

POLISCHTSCHUK = POLITSCHUK

HASCHTSCHAK = GASCHTSCHAK

GALINEC = GALINEK