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Bescheinigungen, Aufarbeitung und Gewissheit

Bild zeigt: Historisches Bild des ITS

Historisches Foto von Mitarbeitern des ITS bei der Personenrecherche

In den frühen Jahren nach 1945 war die Arbeit des International Tracing Service (ITS) und seiner Vorgängerorganisationen auf die Suche nach vermissten NS-Verfolgten ausgerichtet. Parallel zur Sucharbeit kristallisierte sich bald heraus, dass die Dokumente im Archiv des ITS im Rahmen der verschiedenen Entschädigungs- und Hilfsprogramme wichtig waren. NS-Verfolgte mussten anhand von Bescheinigungen ihren Anspruch nachweisen. Mit den Listen und individuellen Unterlagen im ITS war das in vielen Fällen möglich. Es gab in der Geschichte des ITS Zeiträume, in denen das Ausstellen dieser Bescheinigungen fast zur Hauptaufgabe wurde: das gilt vor allem für die späten 1950er und 1960er Jahre sowie die Jahrtausendwende, als endlich auch die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Ostmitteleuropa über einen speziellen Fonds entschädigt wurden.

  • Späte Entschädigungen für bisher ausgeklammerte Opfergruppen
    Neue Gesetze oder Hilfsfonds in verschiedenen Ländern sorgen auch heute noch von Zeit zu Zeit für steigende Anfragenzahlen. So können seit 2014 durch eine Änderung in der polnischen Gesetzgebung jüdische NS-Verfolgte, die zur Zeit der Verfolgung in Polen lebten, nun aber außerhalb des Landes leben, Renten erhalten. Die Anfragen werden nun von UDSKIOR, dem polnischen Amt für Kriegsveteranen und Opfer von Unterdrückung, direkt beim ITS eingereicht und in der Bearbeitung bevorzugt behandelt, damit die Überlebenden schnelle Hilfe bekommen.
  • Reform der Ghetto-Renten
    Auswirkungen auf die Arbeit des ITS hat aktuell auch die Reform der Ghetto-Renten, die der Deutsche Bundestag durch eine Änderung des Gesetzes zur Zahlbarmachung von Renten aus Beschäftigungen in einem Ghetto (ZRBG) 2014 auf den Weg gebracht hat. Im Kern geht es darum, dass 1997 eine ehemalige Ghettoarbeiterin das Recht auf eine Rente vor Gericht durchsetzen konnte. Zuvor war nie berücksichtigt worden, dass die ausgebeuteten Ghettoarbeiter von ihrer niedrigen Bezahlung zwangsweise Sozialabgaben in die Deutsche Rentenkasse abführen mussten. Bis dahin war Ghettoarbeit wie Zwangsarbeit behandelt worden. Doch geht es hier nicht um Entschädigung, sondern den Anspruch auf Rente, der durch die Beitragszahlung besteht. Durch das neue Gesetz wird nun die allgemein im Sozialrecht geltende vierjährige Rückwirkungsfrist nicht mehr angewendet. Dies soll allen Betroffenen ermöglichen, ihre Rente möglichst schnell rückwirkend vom 1. Juli 1997 an zu beziehen. Auch diese Anfragen werden aufgrund ihrer Dringlichkeit beim ITS bevorzugt behandelt. Viele der Ghettoarbeiter sind bereits gestorben. Die Bundesregierung schätzt, dass noch circa 40.000 Menschen diese, ihnen zustehende Rentenzahlung bekommen können. 
  • Die Suche nach Wissen und Wurzeln
    Gegen Mitte der 1980er Jahre begann die Generation der Kinder und später auch der Enkel nachzufragen, ob es im ITS Dokumente über die NS-Verfolgung in der eigenen Familie gibt. Diese biografisch geprägte Suche macht heute einen Großteil der Anfragen aus. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Der Schrecken war in den Familien immer zu spüren, doch viele der hoch traumatisierten Überlebenden konnten oder wollten keine Worte für das Erlebte finden. Erst nach deren Tod und oft auch mit einem großen zeitlichen Abstand davon, fing in den nachfolgenden Generationen die Auseinandersetzung mit dem Thema an. Es spielte sicher auch eine Rolle, dass sich in den 1980er Jahren der Blick auf den Nationalsozialismus veränderte: Im Januar 1979 wurde die US-Serie „Holocaust“ in der Bundesrepublik Deutschland gesendet, die starke Emotionen und Diskussionen auslöste; der zweiteilige Film „Shoah“ folgte 1985. Es wurde weltweit in einer breiten Öffentlichkeit über die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands geredet, mehr und mehr auch über stigmatisierte Opfergruppen wie Sinti und Roma, Homosexuelle oder auch Behinderte. In dem veränderten Klima beeinflusste die international stark beachtete Rede des damaligen Bundespräsidenten Dr. Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 das Geschichtsverständnis und die Erinnerungskultur der Deutschen. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Holocaust und die anderen Nazi-Verbrechen in Deutschland viel stärker in das öffentliche Bewusstsein traten. In den betroffenen Familien mag dies auch dazu geführt haben, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen. Was man heute über das Nachwirken von erlittenen Traumata über Generationen weiß, unterstreicht die Notwendigkeit, durch Wissen Leerstellen zu füllen.

    Die Anfragen der 2., 3. oder 4. Generation kamen und kommen selbstverständlich nicht nur aus Deutschland. Steigende Anfragenzahlen von jüngeren Angehörigen gab es insbesondere auch aus Italien, Frankreich und den Vereinigten Staaten; von den 1990er Jahren an auch aus Ostmitteleuropa und Osteuropa. Aus diesen Ländern waren durch den politischen Umbruch erst zu diesem späten Zeitpunkt Anfragen beim ITS möglich. Mehr als vier Jahrzehnte nach der Zerschlagung des NS-Regimes waren bereits viele der ehemals NS-Verfolgten sowie Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nicht mehr am Leben. Sie hatten selbst niemals die Chance, Dokumente über diese Schreckensjahre einsehen zu können. An ihrer Stelle begannen die nachfolgenden Generationen, sich über die individuellen Schicksale zu informieren.

  • Mehr Informationen

    Vor diesem Hintergrund hat der ITS in den letzten Jahren die Art der Auskünfte verändert und gibt detailliertere Antworten sowie Hinweise über mögliche weitere Recherchewege. Teilweise begeben sich die Familienangehörigen auch auf Reisen, um die Lebensstationen ihrer Vorfahren besser nachvollziehen zu können. Bad Arolsen ist für viele eine wichtige Station, denn das Archiv ist oft der Ort, an dem die letzte Spur eines Familienangehörigen zu finden ist.

    Niemand hätte in der Nachkriegszeit erwartet, dass die Aufgaben des ITS sich bis heute fortsetzen. So war man in den 1950er Jahren zum Beispiel davon ausgegangen, dass der ITS als Institution bis 1968 benötigt werden würde. Viele der ursprünglichen Aufgaben erfüllt der ITS aber bis heute, darunter auch Familienzusammenführungen und die Erteilung von Bescheinigungen für Entschädigungen und Renten. Mit den Informationen für Angehörige sowie dem ganzen Bereich von Forschung und Bildung sind viele neue Aufgaben hinzugekommen.